In Chengdu haben sich alle 21 APEC-Wirtschaftsräume auf eine gemeinsame KI-Erklärung geeinigt. Darin unterstützen die Mitgliedstaaten erstmals auf Ministerebene Open-Source-Modelle mit sogenannten starken Sicherheitsgarantien. Dass ausgerechnet die USA und China gemeinsam hinter diesem Dokument stehen, macht es zu einem geopolitischen Signal.
Was die Chengdu-Erklärung enthält
Das Dokument trägt den Titel Chengdu Statement und wurde am 23. Juli 2026 veröffentlicht. Es betont ausdrücklich die Förderung von Open-Source-Modellen, die sogenannte starke Sicherheitsgarantien während Entwicklung und Einsatz aufweisen. Gleichzeitig hebt es die Bedeutung von Sicherheit, Datenschutz und geistigem Eigentum hervor.
Der chinesische Industrieminister Li Lecheng, der das Treffen leitete, sprach von der ersten APEC-Ministererklärung überhaupt, die Open-Source-KI-Kooperation explizit aufnehme. Zudem rief der Text dazu auf, Informationen über Cybersicherheit, Lieferkettenresilienz und Online-Betrug zwischen Regierungen, Privatwirtschaft und Wissenschaft auszutauschen.
Warum Open-Source umstritten ist
Open-Source-KI hat sich in den vergangenen Monaten stark verändert. Chinesische Firmen wie DeepSeek und Zhipu mit ihrem GLM-5.2-Modell bieten kostenlose, herunterladbare Modelle an. Amerikanische Unternehmen wie Anthropic setzen hingegen auf geschlossene, kostenpflichtige Systeme. Diese unterschiedliche Herangehensweise spiegelt einen grundlegenden Konflikt wider.
Die US-Regierung wirft chinesischen Firmen vor, amerikanisches geistiges Eigentum durch sogenannte Destillation zu stehlen. Gleichzeitig drängt Peking seine heimischen KI-Unternehmen, lokale Chips statt Nvidia-Hardware zu nutzen. Der Vizepremier bezeichnete die Weigerung, heimische Chips zu verwenden, zuletzt als Verrat.
Staatskontrolle statt libertarianischer Wurzeln
Der Chengdu-Text markiert eine Abkehr vom libertarianischen Ursprung der Open-Source-Bewegung. Winston Ma, Rechtswissenschaftler an der New York University, interpretiert die Erklärung als Bestätigung, dass der asiatisch-pazifische Raum sich von geschlossenen Modellen hin zu staatlich koordinierten Open-Weight-Systemen bewegt. Diese werden kombiniert mit kontrollierter Energie-, Telekommunikations- und digitaler Infrastruktur.
Wei Sun, Analystin bei Counterpoint Research, sieht die Formulierung der starken Sicherheitsgarantien als Kompromiss. Sicherheit bewusste Volkswirtschaften könnten Open-Modelle unterstützen und gleichzeitig Tests, Transparenz und Einsatzkontrollen einfordern. Die Debatte verschiebe sich von offen versus geschlossen zur Frage: Wer baut ein offenes Ökosystem, das Regierungen und Unternehmen vertrauen können?
Washington und Peking ziehen an einem Strang
Dass die USA und China sich auf diesen Text einigen, ist bemerkenswert. Beide Regierungen hatten in den vergangenen Monaten zunehmend die Kontrolle über heimische KI-Fähigkeiten verschärft. Die USA verlangen von Frontier-Modellen eine 30-tägige Prüfung vor Veröffentlichung. China blockiert ausländische KI-Plattformen und zwingt heimische Anbieter, lokale Chips zu bevorzugen.
Die Erklärung zeigt jedoch, dass beide Seiten ein Interesse daran haben, Regeln für Open-Source-KI zu definieren, bevor die Technologie sich völlig entzieht. Der Text nennt explizit Risiken wie Datenlecks, Online-Betrug und vorsätzlichen Missbrauch von KI.
Was das für die Praxis bedeutet
Für europäische Unternehmen ändert sich dadurch der Druck nicht sofort. Die Erklärung ist rechtlich nicht bindend. Sie schafft jedoch einen Rahmen, der Open-Source-Modelle mit Sicherheitsanforderungen legitimiert. Das könnte den Weg für nationale Regulierungen ebnen, die Open-Source-Modelle unter Auflagen zulassen, statt sie wie geschlossene Systeme zu behandeln.
Janet De Silva, Vorsitzende der APEC Business Advisory Council für Digitalisierung, warnte die Minister, sich bereits auf die Quantencomputer-Ära vorzubereiten. Vertrauenswürdige Verschlüsselung sei notwendig, um das Finanzsystem zu sichern. Die Erklärung deutet an, dass die Regierungen beginnen, die KI-Frage nicht isoliert, sondern im Kontext breiterer digitaler Infrastruktur zu betrachten.
Fazit: Symbolisches Gewicht mit praktischen Folgen
Die Chengdu-Erklärung ist kein Vertrag. Sie zwingt niemanden, Open-Source-Modelle zuzulassen oder abzulehnen. Aber sie zeigt, dass sich der Diskurs verschoben hat. Offene Modelle werden nicht mehr nur als libertäres Experiment gesehen, sondern als staatlich steuerbare Infrastruktur. Dass die USA und China sich darauf einigen, ist ein Signal an die KI-Branche: Offenheit ja, aber unter Kontrolle.