Südkorea startet ein ambitioniertes Projekt: Ein kostenloser KI-Chatbot für alle 51 Millionen Einwohner. Das Programm namens „AI for Everyone“ soll noch im Dezember 2026 an den Start gehen und damit als erstes G20-Land einen staatlichen KI-Assistenten für die gesamte Bevölkerung bereitstellen. Dabei geht es um weit mehr als nur einen Chatbot.
Was „AI for Everyone“ wirklich bedeutet
Das südkoreanische Wissenschaftsministerium hat am Montag den Plan vorgestellt. Kernstück ist ein genereller KI-Chatbot, der auf einheimischen Modellen basiert und kostenlos sowie ohne Nutzungslimits zur Verfügung steht. Wissenschaftsminister Bae Kyung-hoon betonte dabei klar: Um Nutzer von ausländischen Diensten abzuziehen, müsse das Angebot schlichtweg besser sein als die Konkurrenz.
Etwa die Hälfte der 51 Millionen Südkoreaner nutzte im Februar generative KI-Anwendungen, davon fast 23 Millionen allein ChatGPT von OpenAI. Diese Abhängigkeit von US-Firmen möchte Seoul nun beenden. Ab 2027 sollen die Funktionen zu echten KI-Agenten erweitert werden, die Aufgaben wie Buchungen, Zahlungen und Vermögensverwaltung selbstständig übernehmen können. Eine Vision, die Minister Bae als „ein KI-Agent pro Bürger“ bezeichnet.
Die digitale Spaltung überwinden
Hinter dem Projekt steckt nicht nur Souveränität, sondern auch Sozialpolitik. Viele KI-Dienste verlangen monatliche Abo-Gebühren. Ein kostenloses Angebot schließt die digitale Kluft, die entsteht, wenn nur zahlungskräftige Nutzer Zugang zu leistungsstarker KI haben. Kim Yong-beom, der für Politik zuständige Sekretär im Präsidialamt, formuliert es treffend: Kostenlose einheimische KI ermutige Bürger, koreanische Plattformen zu nutzen. Damit sammelten sich Nachfrage und Daten im Inland und der heimische Markt wachse von selbst.
Zusätzlich soll der Chatbot Bürger bei der Suche nach staatlichen Leistungen unterstützen, etwa Stipendien oder Jugendförderungen, und bei der Antragstellung helfen. Das Ministerium plant außerdem, dieses Jahr 5,14 Millionen Menschen in KI weiterzubilden und bis zu zehn sogenannte „lebensnahe KI-Dienste“ anzubieten, darunter Preisvergleiche für Agrarprodukte, KI-gestützte Steuerberatung und Krisenerkennung für Kinder und Jugendliche.
550 Billionen Won für die Infrastruktur
Die Regierung setzt nicht nur auf Software. SK, GS und Naver investieren insgesamt 550 Billionen Won in gigantische KI-Rechenzentren. Eine ministerielle Taskforce soll Genehmigungen und Stromversorgung beschleunigen. Bis 2028 will Südkorea 50.000 fortschrittliche GPUs vom Typ Nvidia B200 beschaffen und im September den sechsten Supercomputer in Betrieb nehmen. Minister Bae ging sogar so weit zu sagen: Mit ausreichender Infrastruktur könne das Land ein frontier-Modell auf Mythos-Niveau entwickeln.
Im Bereich KI-Halbleiter läuft die Entwicklung einer 1-Nanometer-Klasse und next-generation HBM. Die Zielsetzung ist ambitioniert: Die Leistung soll im Vergleich zur aktuellen Technologie um mehr als das Zehnfache steigen. Vier regionale AX-Hubs sollen das Land zusätzlich als Zentrum für angewandte KI positionieren.
Das KI-Grundgesetz tritt in Kraft
Zeitgleich mit der Vorstellung von „AI for Everyone“ trat am Dienstag das südkoreanische KI-Grundgesetz in Kraft. Es etabliert erstmals einen nationalen Rechtsrahmen für die Branche. Neue Regelungen verlangen die Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten und definieren zehn sensible Bereiche, darunter Kernenergie, Strafverfolgung, Kreditvergabe, Bildung und Medizin, die erhöhten Transparenz- und Sicherheitsanforderungen unterliegen. Zudem wird die Regierung zur Prüfung und Veröffentlichung von Sicherheitstests großer KI-Modelle verpflichtet.
Mit dem Gesetz und dem „AI for Everyone“-Programm positioniert sich Südkorea als Vorreiter bei der Regulierung und Demokratisierung von KI. Die Frage bleibt, ob ein staatlicher Chatbot tatsächlich Nutzer von etablierten Diensten wie ChatGPT abziehen kann. Die Antwort wird zeigen, ob KI-Souveränität auch Qualität bedeutet oder nur ein politisches Versprechen bleibt.