Samsung KI-Wende: ChatGPT, Gemini und Claude nach drei Jahren Verbot zurück im Konzern

von Marcel Buchholz 11. Juni 2026 4 Min. Lesezeit News

Samsung kehrt zurück: Nach KI-Verbot werden ChatGPT, Gemini und Claude konzernweit eingeführt

Vor drei Jahren verbot Samsung seinen Mitarbeitern die Nutzung öffentlicher KI-Tools, nachdem vertraulicher Quellcode in ChatGPT gelangt war. Jetzt vollzieht der südkoreanische Konzern eine radikale Kehrtwende: Ab dem 12. Juni 2026 dürfen Mitarbeiter der DX-Division ChatGPT, Gemini Enterprise und Claude offiziell im Arbeitsalltag nutzen. Zudem lädt Samsung OpenAI-Chef Sam Altman zu einem Vortrag ins Hauptquartier nach Suwon ein. Der Wendepunkt zeigt, wie sehr sich die Risiken von KI-Einsatz verschoben haben, von Datenlecks hin zu strategischen Wettbewerbsnachteilen bei Nichtnutzung.

Was passiert ist: Vom KI-Verbot zur Konzern-Einführung

Im Frühjahr 2023 erlaubte Samsung Ingenieuren im Halbleitergeschäft, ChatGPT zu testen. Innerhalb weniger Wochen luden Mitarbeiter proprietären Quellcode, einen Ablauf zu Gerätefehlern und ein vertrauliches Besprechungsprotokoll in den Chatbot hoch. Deshalb zog Samsung die Notbremse und verbot öffentliche KI-Tools auf allen Unternehmensgeräten. Gleichzeitig forcierte der Konzern sein eigenes Modell Samsung Gauss.

Drei Jahre später kehrt Samsung zu denselben Tools zurück, jedoch unter völlig anderen Vorzeichen. Nach einem zweimonatigen Testlauf mit 2.500 Mitarbeitern der DX-Division steht fest: Die Enterprise-Versionen von ChatGPT, Gemini und Claude werden ab sofort konzernweit erlaubt. Das ist ein Novum in der Geschichte des Konzerns.

Wie Samsung Datenschutz diesmal sicherstellt

Die neue Strategie ruht auf zwei Säulen. Erstens ein Zugriffskontrollsystem: Nur Mitarbeiter, die eine interne Sicherheitsschulung absolviert haben, dürfen die externen KI-Tools nutzen. Datenverlustprävention filtert Eingaben, bevor sie an externe Modelle gesendet werden. Zweitens eine vertragliche Absicherung: Enterprise-Kundenvereinbarungen garantieren, dass OpenAI, Google und Anthropic Unternehmensdaten nicht für das Training ihrer Modelle verwenden.

Dazu kommt der Zwei-Wege-Ansatz: Sensible Aufgaben wandern auf das hauseigene Modell Samsung Gauss, während allgemeine Produktivitätsaufgaben das beste verfügbare externe Modell nutzen dürfen. Dieser Ansatz vermeidet die Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter und schützt gleichzeitig vertrauliche Informationen.

Vom CEO nach unten: 2.300 Führungskräfte im KI-Training

Die Rollout-Strategie ist genauso wichtig wie die Technologie. Samsung beginnt an der Spitze: Etwa 50 Konzernchefs absolvieren im Juni einen zweitägigen AX Boot Camp. Dort präsentieren die Präsidenten eigene Vorschläge zur KI-Integration und legen gemeinsam eine AX-Vision fest. Anschließend trainieren rund 2.300 Führungskräfte in dreitägigen Sessions bis zum 12. August. Alle Mitarbeiter sollen innerhalb des Jahres geschult werden.

Darüber hinaus richtet Samsung an jedem Tochterunternehmen eine eigene KI-Organisation ein. Die CEOs werden aufgefordert, KI auf acht Kernprozesse anzuwenden: Entwicklung, Beschaffung, Produktion, Logistik, Marketing, Vertrieb, Service und Management. DX-Chef Roh Tae-moon sprach von einem Wendepunkt: Nicht nur ein neues Werkzeug, sondern der Startpunkt für eine grundlegende Veränderung der Arbeitsweise.

Altman kommt nach Südkorea: Stargate und strategische Allianzen

Zeitgleich mit der Einführung besucht OpenAI-CEO Sam Altman am Montag Samsungs Hauptquartier in Suwon. Er teilt seine Einschätzungen zu KI mit DX-Mitarbeitern. Zudem stehen Gespräche mit Samsung- und Kakao-Führungskräften an, unter anderem über die nächste Phase der Stargate-Partnerschaft, das gewaltige US-Rechenzentrumsprojekt.

Der Besuch unterstreicht, dass es bei der KI-Einführung nicht nur um Werkzeuge geht. Samsung positioniert sich gleichzeitig als Partner und Kunde der großen KI-Anbieter. Die Halbleiter-Sparte Device Solutions führt externe KI-Services noch nicht ein, plant dies aber in naher Zukunft. Das ist besonders relevant, da Samsung als Chiphersteller potenziell sowohl KI-Chips liefert als auch KI-Tools konsumiert.

Warum diese Wende jetzt passiert

Der Sinneswandel geht auf Konzernchef Lee Jae-yong zurück. In seiner Neujahrsansprache forderte er, die Arbeitsweise und die organisatorische DNA des Unternehmens grundlegend zu verändern und KI konzernweit zu integrieren. Ein Samsung-Verantwortlicher verglich die AX-Transformation mit den früheren digitalen und mobilen Transformationen und bezeichnete sie als Startpunkt zur KI-nativen Unternehmensführung.

Zudem hat sich die Marktlage verändert. Während Samsung 2023 noch auf Nummer sicher ging, nutzen heute Konkurrenten wie Apple, Google und Microsoft KI flächendeckend. Das Risiko, zurückzufallen, überwiegt nun das Risiko kontrollierter KI-Nutzung. Die Enterprise-Lösungen der KI-Anbieter bieten zudem deutlich mehr Datenschutz als die kostenlosen Versionen, die 2023 zum Problem wurden.

Was die Entscheidung für die Branche bedeutet

Samsungs Kurswechsel ist ein Signal für die gesamte Tech-Industrie. Wenn ein Unternehmen, das drei Jahre zuvor KI verboten hat, nun alle großen Modelle gleichzeitig einführt, spricht das für einen Reifegrad der Enterprise-KI-Lösungen, der den praktischen Einsatz in Großunternehmen ermöglicht. Der Zwei-Wege-Ansatz mit internem Gauss-Modell und externen Tools könnte zum Vorbild für andere Konzerne werden, die Datenschutz und Innovation in Einklang bringen müssen.

Gleichzeitig zeigt der Vorfall die veränderte Risikolandschaft: Nicht mehr die Nutzung von KI ist das größte Risiko, sondern der Verzicht darauf. Für Samsungs Bixby-Assistenten bedeutet die neue Offenheit übrigens keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung, da Gauss weiterhin für geräteinterne Aufgaben eingesetzt wird.

Mehr zur KI-Transformation von Unternehmen lesen Sie in unserem Artikel über KPMG, das 276.000 Mitarbeiter auf Claude umstellt. Auch Meta rollt KI-Agenten auf WhatsApp und Instagram aus, was den Branchentrend unterstreicht.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.