Reid Hoffman hat sich ausgesprochen. Der LinkedIn-Mitgründer und gleichzeitige Investor in OpenAI und Anthropic nennt Musks KI-Schiene xAI ein „komplettes Zugunglück“. SpaceX sei keine KI-Firma, sondern kaufe sich lediglich Relevanz. Die Aussagen fallen in eine Woche, in der xAI alle elf Mitgründer verloren hat und SpaceX den Coding-Startups Cursor für 60 Milliarden Dollar übernimmt.
Alle elf Mitgründer weg: Der Exodus bei xAI
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Bis Mai 2026 haben sämtliche elf ursprünglichen Mitgründer von xAI das Unternehmen verlassen. Der Exodus begann im Februar 2026, als Tony Wu, einer der operativ wichtigsten Köpfe, seinen Rückzug bekannt gab. Musks anschließende Umstrukturierung konnte die Abwanderung nicht stoppen. Das Flaggschiff-Modell Grok hinkt bei Benchmarks hinter Anthropic und OpenAI her. Hoffman zieht daraus einen vernichtenden Schluss: „xAI ist, wie Elon selbst beschrieben hat, ein komplettes Zugunglück.“
SpaceX kauft sich in die KI-Welt ein
SpaceX ging am 12. Juni 2026 an die Börse, mit KI als zentralem Element des IPO-Narrativs. Kurz darauf folgte die Übernahme von Cursor für 60 Milliarden Dollar. Hoffman bewertet das schlicht: „Man könnte es fast als das IAC der KI betrachten.“ Er vergleicht Musks Strategie mit Barry Dillers Internet-Konglomerat, das in den frühen 2000ern durch Akquisitionen wuchs, ohne eigene Substanz aufzubauen. SpaceX nutze seinen Marktwert, um KI-Firmen zu kaufen und sich Relevanz zu verschaffen, statt sie zu entwickeln.
Zudem positioniert sich SpaceX mit dem Vermieten von Rechenleistung an Anthropic als KI-Player. Hoffmans Gegenargument: „Du bist ein überteuerter CoreWeave. Das ist keine KI-Firma.“ CoreWeave ist ein Cloud-Anbieter für GPU-Infrastruktur, der ebenfalls keine eigenen Modelle entwickelt.
Anthropic unter Regierungskontrolle: Hoffman warnt
Weniger scharf, dafür besorgter äußert sich Hoffman zur US-Regierungsintervention gegen Anthropic. Am 11. Juni 2026 ordnete die Regierung an, den Zugang zu den Modellen Fable 5 und Mythos 5 für ausländische Nutzer zu sperren. Auslöser war ein von Amazon-CEO Andy Jassy gemeldeter Jailbreak in Fable 5. Hoffman kritisiert das als „autokratisch-willkürlich“ und „sehr suboptimal.“ Das Problem: Es gebe keinen principled framework, keine Vorhersehbarkeit für Unternehmen. „Es sieht nicht danach aus, als gäbe es etwas Prinzipienfestes“, so Hoffman.
Besonders stört ihn die Asymmetrie. Anthropic wurde mit Sanktionen belegt, während OpenAI unbehelligt blieb. Dabei hatte Anthropic die Sicherheitslücke selbst gemeldet. Für ein Unternehmen, das sich auf einen der größten Börsengänge der Geschichte vorbereitet, bedeutet unvorhersehbare Regulierungsintervention eine völlig neue Anlegerkategorie.
Platz für OpenAI und Anthropic: Kein Nullsummenspiel
Trotz der Konkurrenz sieht Hoffman Raum für beide Firmen. „Wir neigen dazu, diese Geschichten als Käfigkampf zu erzählen“, sagt er, „zwei treten ein, einer geht.“ Die Realität sehe anders aus. Anthropic dominiere im Coding-Bereich und baue Design- und Legal-Anwendungen aus. OpenAI und ChatGPT funktionierten eher als Verbraucher-Suchmaschine. Codex, OpenAIs Coding-Produkt, sei „zu wenig besprochen“ angesichts seiner Qualität.
Eine pointierte Frage richtet er an Cursor: Das von SpaceX übernommene Startup habe „seinen hellen Stern vor einigen Monaten gehabt und scheine am Horizont zu verblassen.“ Seit Anfang 2026 verliert Cursor Marktanteile an Claude Code und Codex. Ob ein Standalone-Coding-IDE noch einen Premium rechtfertigt, wird zunehmend infrage gestellt.
KI-Arbeitsmarkt: Hoffmans Aufruf an Gen Z
Zum Arbeitsmarkt äußert sich Hoffman ungewöhnlich direkt. Goldman Sachs verzeichnet, dass KI derzeit etwa 11.000 US-Stellen pro Monat streicht, nach 16.000 im April. Generation Z trägt die Hauptlast: Die Arbeitslosigkeit unter Hochschulabsolventen stieg von 3,6 Prozent im Jahr 2019 auf 5,6 Prozent 2026. Mittlerweile fordern 35 Prozent der Einstiegspositionen drei Jahre Berufserfahrung, und 45 Prozent der Unternehmen nutzen automatische Ablehnungssysteme.
Hoffman dreht die Perspektive um: „Ich denke darüber nach, einen Essay über die Fehler zu schreiben, die Hochschulabsolventen machen, wenn sie KI buhen.“ Seine Botschaft an Gen Z: Ihr habt die Chance, die „KI-Generation“ zu werden. Diejenigen, die in den Arbeitsmarkt eintreten und sagen: „Ich kenne das besser als ihr alle. Ihr solltet mich einstellen, um euch zu einer KI-nativen Organisation zu machen.“ Das sei Chance, nicht Bedrohung.
Fazit: Der KI-Markt sucht nach Regeln, nicht nach Gewinnern
Hoffmans Interview offenbart einen grundlegenden Strukturwandel. Die Frage des zweiten Halbjahres 2026 lautet nicht mehr, welches Labor gewinnt. Sie lautet: Wer legt die Spielregeln fest und wie schnell? Solange es keinen formalen Freigabeprozess für Frontier-Modelle gibt, trifft die US-Regierung ad-hoc-Entscheidungen, die sowohl Anthropic als auch OpenAI treffen können. SpaceX versucht, durch Käufe Relevanz zu erkaufen, hat aber laut Hoffman keine eigene KI-Substanz. Und Cursor, das teuerste Akquisition der Branche, könnte seinen Höhepunkt bereits überschritten haben.