Mehr als eine halbe Milliarde Dollar und eine bipartisan Koalition aus Politikern, Tech-Konzern und Gewerkschaften: RAISE US will amerikanische Arbeitnehmer auf die KI-Wirtschaft vorbereiten, bevor die Verlierer der Automatisierung überfordert sind. Die Initiative startet mit Pilotprogrammen in vier Bundesstaaten.
Was ist RAISE US?
Die ehemalige US-Handelsministerin Gina Raimondo und der frühere Gouverneur von Indiana, Eric Holcomb, haben RAISE US ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine überparteiliche Nonprofit-Organisation, die sich dem Übergang der amerikanischen Belegschaft in eine von Künstlicher Intelligenz geprägte Wirtschaft verschreibt. Das Startkapital beläuft sich auf über 500 Millionen Dollar, gestellt von Unternehmen und Stiftungen.
Amazon, Microsoft, Anthropic, die OpenAI Foundation und Bank of America gehören zu den Ankermietern. Daneben beteiligen sich UPS, General Motors, Eli Lilly, Mastercard, AMD, Cisco und IBM. Der Beirat umfasst den ehemaligen republikanischen Sprecher Paul Ryan, den Milliardär Stephen Schwarzman, AFL-CIO-Präsidentin Liz Shuler sowie die Ökonomen David Autor, Erik Brynjolfsson und Raj Chetty.
Vier Säulen für den Wandel
RAISE US operiert entlang vier Kernbereiche. Zunächst die Staatlichen Partnerschaften: Arkansas, Connecticut, Maryland und Utah sind die ersten vier Bundesstaaten, in denen Pilotprogramme starten. Dort sollen Ausbildungsmodelle entstehen, die direkt an Arbeitgeberbedarf gekoppelt sind. Dazu zählen Ausbildungen mit Vergütung, Kurzzeit-Zertifikate und Anreize für Unternehmen, Mitarbeiter umzuschulen statt sie zu entlassen.
Zweitens die Arbeitgeber-Koalition: Die beteiligten Tech-Firmen verpflichten sich nicht nur finanziell, sondern auch inhaltlich. Sie sollen mitgestalten, wie Übergangsprogramme in der Praxis aussehen. Drittens Bildung und Training: KI-gestützte Lehrmethoden sollen den Zugang zu bezahlbarer, hochwertiger Ausbildung erweitern. Viertens ein Politik-Labor: Neue Strategien für Steuergestaltung und Unternehmensanreize werden entwickelt und erprobt, getrennt von Unternehmensgeldern finanziert.
Warum jetzt?
Raimondo formuliert es unmissverständlich: Wer weltweit bei KI führen will, braucht auch eine Strategie für die Belegschaft. Andernfalls drohe die Automatisierung des eigenen Niedergangs. Die USA geben Hunderte Milliarden für Hochschulbildung und Arbeitslosenversicherung aus, jedoch ist ein Großteil davon nicht an Beschäftigungsergebnisse gekoppelt. Zudem konzentriert sich das System weitgehend auf traditionelle Studierende, obwohl der Wandel alle Bildungsebenen betrifft.
Die Initiative reagiert auf reale Verwerfungen. Oracle kürzt 21.000 Stellen, Meta entlässt tausende Mitarbeiter, und Bitkom meldet, dass bereits jeder fünfte KI-Nutzer Personal abbaut. Die KI-Transformation trifft Branchen und Qualifikationsniveaus quer durch die Wirtschaft.
Einordnung
RAISE US ist bemerkenswert, weil es erstmals die Entwickler von KI-Systemen an einen Tisch bringt mit denen, die deren Folgen abfedern müssen. Anthropic und die OpenAI Foundation sitzen neben der größten US-Gewerkschaft und einem republikanischen Ex-Sprecher. Dass die Initiative bundesstaatlich ansetzt statt auf Bundesebene, spiegelt die politische Realität: Im US-Kongress gibt es seit Jahren keine KI-Gesetze zum Arbeitsschutz.
Allerdings bleiben Fragen offen. Die 500 Millionen Dollar sind ein Startbudget, jedoch stehen dem Billionenbeträge gegenüber, die Unternehmen in KI-Infrastruktur pumpen. Ob Ausbildungsprogramme mithalten können, wenn Automatisierung ganze Berufsfelder eliminiert, ist ungewiss. Zudem hängt der Erfolg davon ab, ob Unternehmen Umschulung tatsächlich der Entlassung vorziehen.