Project Polaris: Microsoft kündigt eigenes KI-Coding-Modell für Copilot an

von Marcel Buchholz 02. Juni 2026 2 Min. Lesezeit Software & Entwicklung

Microsoft trennt sich von OpenAI als Motor seines wichtigsten Entwicklerprodukts. Auf der Build-Konferenz 2026 stellte Satya Nadella Project Polaris vor, ein hausinternes KI-Modell, das ab August 2026 GPT-4 Turbo in GitHub Copilot ersetzt. Der Umstieg erfolgt automatisch für alle Abonnenten, allerdings gibt es ein dreimonatiges Übergangsfenster für Teams, die vorerst bei GPT-4 bleiben möchten.

Was Project Polaris kann

Polaris nutzt eine Mixture-of-Experts-Architektur mit spezialisierten Sub-Modulen für verschiedene Programmiersprachen und Frameworks. Außerdem kommt Chain-of-Thought- und Tree-of-Thought-Reasoning zum Einsatz, was besonders bei komplexen Multi-File-Refactorings helfen soll. Laut Microsoft schlägt Polaris GPT-4 Turbo auf den Benchmarks HumanEval und MBPP, insbesondere bei Rust und Haskell.

Zudem führt Microsoft das sogenannte Code Content Guarantee ein. Das Modell wurde ausschließlich auf zulässigen Daten trainiert, und Microsoft haftet gegenüber Kunden bei geistigen Eigentumsansprüchen auf generierten Code. Für Unternehmensrechtsteams ist das ein klares Signal.

Warum Microsoft jetzt handelt

Der Druck ist real. Claude Code von Anthropic hat im Bereich des agentic Coding schnell an Boden gewonnen. Eine JetBrains-Umfrage aus dem Frühjahr 2026 zeigt: 46 Prozent der Befragten nennen Claude Code ihr liebstes Tool, nur 9 Prozent wählen Copilot. Unter Entwicklern, die täglich KI-Agenten nutzen, liegt Claude Code sogar bei 71 Prozent Zustimmung.

Auf der Build-Konferenz nannte Microsoft Claude Code erstmals direkt als Wettbewerber. Das ist bemerkenswert für einen etablierten Plattform-Anbieter, der zugeben muss, in einer Produktkategorie messbar zurückzufallen. GitHub Copilot führt zwar noch bei der reinen Unternehmensverbreitung mit 29 Prozent der Enterprise-Entwickler. Jedoch sind „meistgenutzt“ und „beliebt“ unterschiedliche Kennzahlen.

Die strategische Dimension

Microsoft hat 13 Milliarden Dollar in OpenAI investiert und weitere 5 Milliarden in Anthropic. Dennoch baut das Unternehmen nun ein eigenes Modell, das direkt mit dem Unternehmen konkurriert, dessen Erfolg es finanziert hat. Die finanzielle Beziehung besteht weiterhin, aber die strategische Abhängigkeit wird abgebaut. Polaris läuft auf Microsofts eigenen Maia-Beschleunigern in Azure, was die Inferenzkosten vollständig unter Microsofts Kontrolle bringt.

Dahinter steht die Überzeugung, dass sich KI-Modelle zunehmend zu einer Ware entwickeln. Der eigentliche Wert liegt künftig bei dem, der den Entwickler-Workflow kontrolliert. Microsoft besitzt GitHub, VS Code und Azure. Selbst falls Polaris Claude Code bei reinen Fähigkeiten unterlegen sein sollte, kann Microsoft auf eigener Infrastruktur iterieren, ohne für jede Inferenz einen Scheck an OpenAI zu schreiben.

Was Nutzer jetzt wissen müssen

Für Copilot-Abonnenten beginnt der Übergang im August 2026. Die Migration geschieht automatisch. Wer bei GPT-4 Turbo bleiben möchte, hat drei Monate Zeit, dies aktiv zu konfigurieren. Danach wird Polaris zur einzigen Standardoption. Gleichzeitig erreicht Copilot Workspace die allgemeine Verfügbarkeit. Das Feature bietet agentenbasiertes Programmieren über ganze Repositories hinweg, inklusive Multi-File-Bearbeitung und automatischer Testgenerierung.

Einschränkend muss man sagen: Microsoft hat bislang keine Benchmark-Vergleiche zwischen Polaris und Claude Code bei realen Multi-File-Aufgaben veröffentlicht. HumanEval und MBPP sind zudem nicht für agentic Coding konzipiert. Der wahre Leistungstest kommt erst im August, wenn Community-Benchmarks auf GitHub erscheinen werden.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.