Pentagon gibt KI mehr Macht über Kriegsziele: Was die neue Doktrin bedeutet

von Marcel Buchholz 26. Juni 2026 3 Min. Lesezeit Politik

Das US-Verteidigungsministerium hat seine Zielauswahl-Doktrin stillschweigend überarbeitet und damit den Weg für Künstliche Intelligenz bei kritischen Kampfentscheidungen frei gemacht. Die überarbeiteten Richtlinien, die im April ohne öffentliche Bekanntgabe verabschiedet wurden, beschreiben erstmals Systeme, bei denen KI „Aktionen mit menschlicher Überwachung“ einleitet. Das ist ein Bruch mit der bisherigen Praxis der „Human-in-the-Loop“-Systeme, bei denen ein Mensch jede Aktion auslöst.

Was die neue Doktrin verändert

Bisher galt im Pentagon das Prinzip, dass ein Mensch die finale Entscheidung über den Einsatz von Gewalt trifft. Die überarbeitete Doktrin beschreibt nun explizit einen Übergang: von menschengesteuerten Systemen hin zu Konstellationen, in denen KI selbstständig handelt und Menschen lediglich überwachen. Das Dokument ist zwar nicht klassifiziert, wurde aber bisher nicht veröffentlicht.

Zudem enthält die neue Version ein Kapitel zur Zukunft der Zielauswahl. Darin heißt es, dass die „Geschwindigkeit zukünftiger Kriegsführung zusammen mit den eigenen Fortschritten der Gegner im Bereich KI die Streitkräfte dazu zwingen könnte, vollständig autonome Systeme einzusetzen“. Das ist die bisher deutlichste offizielle Aussage des Pentagons zur möglichen vollständigen Automatisierung von Kampfentscheidungen.

Project Maven wird Dauerprogramm

Die Absicht hinter der Doktrin zeigt sich auch in den Beschaffungszahlen. Stellvertretender Verteidigungsminister Steve Feinberg ordnete im März an, dass Project Maven bis September 2026 in ein offizielles Beschaffungsprogramm überführt werden soll. Das bedeutet: Maven bekommt eine dauerhafte Budgetlinie statt einzelner Vertragserweiterungen. Die Auftragssumme wurde bereits von ursprünglich 480 Millionen auf 1,3 Milliarden Dollar bis 2029 angehoben.

Mavens Aufgabe ist klar umrissen: Daten aus Militärsystemen und Geheimdienstquellen in einer einzigen Oberfläche zusammenführen, damit Kommandeure Ziele schneller finden, sortieren und bekämpfen können. Bei einer Palantir-Konferenz demonstrierte der digitale Chef des Pentagons, Cameron Stanley, wie das System von der Identifikation eines Fahrzeugs bis zur Waffenauswahl reicht. Das System wird nicht als autonom bezeichnet, aber die Beschleunigung der Tötungskette verändert die Rolle des verbleibenden Menschen grundlegend.

Anthropic verweigert sich, OpenAI geht mit

Die KI-Unternehmen reagieren unterschiedlich auf die Pentagon-Forderungen. Anthropic weigerte sich, Beschränkungen für die Nutzung von Claude bei der massenhaften inneren Überwachung und für voll autonome Waffen aufzuheben. Das Unternehmen argumentiert, dass die Technologie noch nicht zuverlässig genug für „voll autonome Waffen“ sei und Menschen die letzte Entscheidung über Gewaltanwendung treffen müssen.

OpenAI hingegen schloss ein eigene Abkommen mit dem Verteidigungsministerium. Sam Altman betonte zwar, dass OpenAIs Prinzipien innerstaatliche Massenüberwachung weiterhin untersagen und menschliche Verantwortung für Gewaltanwendung fordern. Der Unterschied in der Haltung zeigt: Das Pentagon spaltet die KI-Industrie in Lager, die unterschiedliche rote Linien ziehen.

Militärs warnen vor zu viel Eile

Nicht alle im Militär teilen die Beschleunigungs-Rhetorik. Admiral Frank Bradley, Kommandeur des US Special Operations Command, warnte öffentlich vor zu schnellem KI-Einsatz bei der Zielauswahl. Truppen müssten „sehr vorsichtig“ sein, wie die Technologie in die Tötungskette integriert werde. Sie müssten Vertrauen haben, dass KI-Systeme „Gewalt nur dort anwenden, wo wir es beabsichtigen“.

Bradleys Warnung steht im Kontrast zu Verteidigungsminister Pete Hegseth, der im Januar erklärte, er wolle KI-Modelle „ohne ideologische Einschränkungen, die rechtmäßige militärische Anwendungen limitieren“. Präsident Trump kürzte zudem kurzfristig die Unterzeichnung einer neuen KI-Executive Order ab, weil er nichts tun wollte, was den US-Vorsprung gegenüber China bremsen könnte.

Was bedeutet das für die Zukunft

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Anduril erhielt einen Armeevertrag über bis zu 20 Milliarden Dollar. Shield AI testet seine Hivemind-Software auf Andurils Fury-Drohne über der Mojave-Wüste. Das LUCAS-Kamikaze-Drohnenprogramm mit Kosten von rund 35.000 Dollar pro Einheit hat seinen ersten Kampfeinsatz in Iran im Februar 2026 bereits absolviert. Wenn die Hardware bereits auf dem Schlachtfeld ist, wird die Debatte darüber, ob KI zur Zielauswahl gehören sollte, zur Makulatur.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob KI in die Zielauswahl kommt. Sie ist bereits dort. Die Frage ist, ob der Mensch im Entscheidungsprozess genug Zeit, Information und Autorität behält, um tatsächlich noch etwas zu bedeuten. Ein NSPM-Memorandum von Anfang Juni gibt dem Pentagon 90 Tage Zeit, seine Autonomie-Richtlinien zu aktualisieren. Die Uhr läuft.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.