Papst Leo XIV. veröffentlicht am 25. Mai die erste Enzyklika der Kirchengeschichte zur künstlichen Intelligenz. Der Titel lautet Magnifica Humanitas, übersetzt etwa “Erhabene Menschlichkeit”. Damit rückt das Kirchenoberhaupt die Frage nach der Würde des Menschen in einer von Algorithmen geprägten Welt ins Zentrum der katholischen Soziallehre. Begleitet wird die Vorstellung von keinem Geringeren als dem Mitgründer von Anthropic, Christopher Olah.
Was die Enzyklika erwartet
Das Lehrschreiben trägt das Datum 15. Mai 2026. Genau an diesem Tag jährte sich zum 135. Mal die Veröffentlichung von Rerum Novarum, jener wegweisenden Sozialenzyklika von Leo XIII. aus dem Jahr 1891. Damals ging es um die Rechte der Arbeiter im Industriellen Zeitalter. Heute stellt der neue Papst die analoge Frage: Wie bewahren wir den Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz?
Zudem hat Leo XIV. am 16. Mai eine vatikanische KI-Kommission eingerichtet. Sie soll die KI-Aktivitäten innerhalb des Vatikan koordinieren und interne Regeln für den Einsatz der Technologie festlegen. Vertreten sind sieben vatikanische Behörden, darunter das Dikasterium für die Glaubenslehre und die Päpstliche Akademie der Wissenschaften.
Anthropic-Mitgründer als Gastredner
Die Anwesenheit von Christopher Olah bei der Pressekonferenz ist bemerkenswert. Olah ist Mitgründer von Anthropic, einem Unternehmen, das sich ausdrücklich Sicherheit und Risikobegrenzung bei KI auf die Fahne geschrieben hat. Zuvor hatte die Trump-Regierung im Februar 2023 alle US-Behörden angewiesen, die Technologie von Anthropic nicht mehr zu nutzen. Der Grund: Anthropic verweigerte der US-Armee den uneingeschränkten Zugriff auf seine Systeme. Das Unternehmen hat mittlerweile Klage gegen die Regierung eingereicht.
Die Einladung Olahs signalisiert, dass der Vatikan bewusst einen KI-Entwickler an die Seite stellt, der ethische Grenzen setzt. Zudem ordnet sich die Enzyklika in eine wachsende Debatte ein: Bereits die EU reguliert KI mit dem AI Act, und auch innerhalb der Tech-Branche mehren sich Stimmen für mehr Verantwortung.
Historische Parallelen zur Industriellen Revolution
Leo XIV. sieht in der KI-Revolution eine ähnliche Zäsur wie vor über 130 Jahren die Industrialisierung. Bereits bei seiner Kamerun-Reise im April rief er katholische Studierende auf, Pioniere eines “neuen Humanismus im Kontext der digitalen Revolution” zu werden. In seiner Medienbotschaft Anfang 2026 warnte er vor KI-gesteuerten Inhalten, die menschliche Beziehungen fiktiv nachahmen und kritisches Denken aushöhlen könnten.
Die Theologin Anna Rowlands von der Universität Durham, ebenfalls Mitglied der vatikanischen Kommission, betont: Jede Sozialenzyklika habe ihren Kern in der Weigerung, Transzendenz zu verleugnen. Die Kirche beharrt darauf, dass der Mensch mehr ist als ein Algorithmus. Selbst innerhalb von KI-Unternehmen wächst der Widerstand gegen ungezügelte Entwicklung, wie die Gewerkschaftsgründung bei DeepMind zeigt.
Was bedeutet das für die KI-Branche?
Die katholische Kirche erreicht mit ihrer Botschaft mehr als eine Milliarde Menschen weltweit. Wenn der Papst KI als existenzielle Herausforderung für die Menschenwürde einstuft, bekommt die ethische Debatte ein neues Gewicht. Die Enzyklika könnte Regierungen und Unternehmen unter Zugzwang setzen, verbindliche Regeln für den KI-Einsatz zu schaffen. Auch die KI-Branche selbst steht im Umbruch, und der Vatikan setzt mit Olahs Einladung ein klares Zeichen für verantwortungsvolle Entwicklung.
Ob die Worte des Papstes die Praxis der Tech-Giganten beeinflussen, bleibt offen. Klar ist jedoch: Noch nie hat ein Papst so direkt Stellung zur künstlichen Intelligenz bezogen. Der 25. Mai könnte ein Wendepunkt werden für die Frage, ob ethische Leitlinien bei KI zum Nachdenken zwingen oder bloß gute Absichten bleiben.