OpenAI schiebt Börsengang auf 2027: Was der SpaceX-Schock für KI-Investoren bedeutet

von Marcel Buchholz 26. Juni 2026 4 Min. Lesezeit KI & Wirtschaft

Der größte KI-Börsengang der Geschichte bekommt kalte Füße: OpenAI lehnt sich Berichten zufolge daran, seinen Börsengang auf 2027 zu verschieben. Der Grund ist eine Mischung aus volatilen Technologieaktien, einem ernüchternden SpaceX-Debüt und einer Billionen-Dollar-Bewertung, die niemand unterschreiben will. Zudem drängt die US-Regierung auf eine kontrollierte Freigabe von GPT-5.6. Folglich stehen die Zeichen auf Warten statt auf Eile.

Altman will eine Billion, der Markt will warten

OpenAI-Berater haben zwei Optionen präsentiert: entweder einen schnellen Börsengang zu einer niedrigeren Bewertung oder Warten bis 2027 mit dem Ziel, die Billionen-Dollar-Marke zu knacken. Sam Altman entschied sich für Letzteres. Allerdings zeigen die Zahlen, warum Banker nervös sind: OpenAI gab im ersten Quartal 2026 etwa 3,7 Milliarden Dollar aus bei einem Umsatz von rund 5,7 Milliarden Dollar. Der Nettoverlust belief sich 2025 auf etwa 39 Milliarden Dollar.

Daher ist die Timing-Frage existenziell. Ein zu früher Börsengang könnte die Bewertung drücken, jedoch ein zu später den Investoren die Geduld kosten. SoftBank, OpenAIs größter Einzelinvestor, verlor am 26. Juni allein 12 Prozent seines Aktienkurses, nachdem die IPO-Verzögerung bekannt wurde. Masayoshi Son verteidigte dennoch die KI-Strategie und bezeichnete SoftBank als die Gans, die goldene Eier legt.

SpaceX zeigt: Milliarden-Bewertungen garantieren keine Kursgewinne

Die Nervosität hat einen konkreten Grund. SpaceX hatte im Juni 2026 den größten Börsengang der Geschichte hingelegt, dennoch fiel der Aktienkurs danach. Genau diese Erfahrung macht OpenAI-Banker vorsichtig. Wenn selbst SpaceX mit seiner dominanten Marktposition nicht sofort Kursgewinne liefert, wie soll ein Unternehmen überzeugen, das noch immer Milliarden verbrennt?

Außerdem konkurriert OpenAI mit Anthropic um die Gunst der Wall Street. Anthropic hatte kurz vor OpenAI vertrauliche IPO-Unterlagen eingereicht. Allerdings hat Anthropic 2026 seinen Umsatz deutlich steigern können, insbesondere mit Claude Code. Deshalb drängt Anthropic möglicherweise auf einen früheren Börsengang, um OpenAI zuvorzukommen.

Regierung als Torwächter: GPT-5.6 nur mit Washingtons Segen

Zur finanziellen Unsicherheit kommt ein regulatorischer Paukenschlag. Berichten zufolge hat die Trump-Administration OpenAI aufgefordert, GPT-5.6 nicht flächendeckend freizugeben. Statt dessen soll das Modell zunächst nur etwa zwei Dutzend ausgewählten Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. Das Finanzministerium, das Handelsministerium und das Weiße Haus sollen die Kunden einzeln freigeben.

Diese Entwicklung folgt auf die Anthropic-Affäre: Im Juni 2026 hatte die US-Regierung die Modelle Fable 5 und Mythos 5 nach Sicherheitsbedenken eingeschränkt. Zuvor gab es Berichte über chinesische Akteure, die möglicherweise Zugang zu Mythos erlangt hatten. Deshalb behandelt Washington Frontier-KI-Modelle zunehmend wie kontrollierte Exporte, nicht wie normale Software-Updates.

Ein von der Regierung gesteuerter Modellstart passt jedoch nicht in die Erzählung eines sauberen Börsengangs. Investoren wollen Berechenbarkeit. Wenn die Freigabe des wichtigsten Produkts von Washington abhängt, wird das IPO-Risiko größer. OpenAIs Konzession an Washington zeigt, dass frontier KI-Modelle längst keine reinen Produkte mehr sind.

SoftBank stürzt ab: Zwölf Prozent Verlust an einem Tag

Die unmittelbare Reaktion auf die IPO-Verzögerung war dramatisch. SoftBank-Aktien fielen am 26. Juni um bis zu 12 Prozent auf 6.246 Yen. Immerhin hatte Son OpenAI massiv unterstützt, unter anderem mit einer 122-Milliarden-Dollar-Finanzierungsrunde, die OpenAI mit 852 Milliarden Dollar bewertete. Dessen ungeachtet betonte Son auf der Hauptversammlung, KI sei noch in den Kinderschuhen. Er sprach von künstlicher Superintelligenz, die 10.000 Mal klüger sein solle als Menschen.

Allerdings zeigen die Zahlen ein anderes Bild. OpenAI verbrannte 2025 etwa 39 Milliarden Dollar netto. Microsoft, ein weiterer Großinvestor, drückt ebenfalls auf Kostensenkung. Folglich stehen die KI-Giganten unter dem Druck, Profitabilität zu beweisen, bevor die öffentlichen Märkte bereit sind, die Bewertung zu stützen.

Was bedeutet das für die KI-Branche?

Die IPO-Verzögerung hat weitreichende Folgen. Erstens verliert OpenAI den First-Mover-Vorteil bei der Wall Street. Zweitens signalisiert die Regierungskontrolle über GPT-5.6, dass KI-Regulierung nicht mehr nur freiwillig ist. Drittens geraten kleinere KI-Unternehmen unter Druck: Wenn nicht einmal OpenAI zum richtigen Zeitpunkt an die Börse geht, wer dann?

Dennoch gibt es auch Argumente für die Geduld. Ein IPO im Jahr 2027 könnte OpenAI die Zeit geben, die Verluste zu reduzieren und neue Einnahmequellen wie Werbung in ChatGPT sowie E-Commerce-Partnerschaften mit Shopify und Stripe aufzubauen. Außerdem könnte sich der Markt bis dahin erholt haben. Schließlich hängt die Bewertung nicht nur von aktuellen Verlusten ab, sondern auch vom Potenzial der Technologie.

OpenAI hat am 9. Juni 2026 die vertrauliche S-1-Einreichung bei der US-Börsenaufsicht bestätigt. Das Unternehmen betonte dabei, dass noch kein Zeitpunkt feststehe und dass einige Dinge als privates Unternehmen einfacher umsetzbar seien. Die Entscheidung sei ein komplexer Abwägungsprozess.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.