OpenAI kauft Ona: Deutsches Startup aus Kiel wird zur Cloud-Infrastruktur für Codex

von Marcel Buchholz 12. Juni 2026 4 Min. Lesezeit News

OpenAI übernimmt mit Ona ein deutsches Startup aus Kiel und baut damit die Infrastruktur für seine KI-Agenten massiv aus. Die Übernahme markiert einen strategischen Wendepunkt im Wettlauf um Enterprise-Kunden zwischen OpenAI und Anthropic.

Was ist Ona und warum kauft OpenAI das Unternehmen?

Ona, früher bekannt als Gitpod, wurde 2020 in Kiel gegründet. Das Startup entwickelt sichere, persistente Cloud-Umgebungen für Softwareentwicklung. Rund zwei Millionen Entwickler haben bereits mit der Technologie gearbeitet. Außerdem bietet Ona eine kundenkontrollierte Ausführungsumgebung, in der KI-Agenten innerhalb der eigenen Cloud-Infrastruktur eines Unternehmens arbeiten können. Das Unternehmen wird nun Teil des OpenAI-Codex-Teams und bringt seine Expertise in sicherer Cloud-Orchestrierung ein.

Der Name Gitpod dürfte vielen Entwicklern ein Begriff sein. Unter diesem Namen machte das Startup erstmals auf sich aufmerksam, bevor es sich in Ona umbenannte und den Fokus auf KI-Agenten-Infrastruktur legte. Diese Neuausrichtung erwies sich als weitsichtig, denn genau diese Technologie braucht OpenAI jetzt, um Codex für Unternehmen attraktiv zu machen.

Codex wächst rasant und braucht neue Infrastruktur

Die Zahlen sprechen für sich: Über fünf Millionen Nutzer verwenden wöchentlich OpenAIs Codex-Plattform. Das entspricht einem Wachstum von 400 Prozent seit Jahresbeginn. Zuvor war Codex ein reines Entwickler-Werkzeug. Inzwischen nutzen auch Analysten, Produktteams und andere Wissensarbeiter die Plattform für Forschung und Automatisierung. OpenAI gibt an, dass Wissensarbeiter mittlerweile etwa jeder fünfte Codex-Nutzer sind und deren Zahl dreimal schneller wächst als die der Entwickler.

Deshalb reicht es nicht mehr, dass KI-Agenten nur in kurzen Sitzungen arbeiten. Die wertvollsten Aufgaben dauern Stunden oder Tage. Nutzer wollen Aufgaben delegieren, den Laptop zuklappen und später von unterwegs den Fortschritt prüfen. Genau diese Lücke füllt Ona: Die Technologie bietet Agenten einen sicheren, dauerhaften Arbeitsplatz in der Cloud. Aufgaben laufen weiter, auch wenn der Nutzer offline ist, und Ergebnisse lassen sich von jedem Gerät aus überprüfen und steuern.

Sicherheit und Kontrolle für Unternehmenskunden

Für Unternehmen ist die wichtigste Frage nicht, ob KI schlau genug ist, sondern ob sie kontrollierbar bleibt. Ona löst dieses Problem mit einem kundenkontrollierten Ausführungsmodell. Dabei laufen die Agenten in der eigenen Cloud-Umgebung des Unternehmens, während OpenAI die Intelligenz und Orchestrierung bereitstellt. Firmen behalten die volle Kontrolle über Infrastruktur, Daten und Sicherheitsgrenzen.

Das bedeutet konkret: Unternehmen bestimmen, wo die Agenten laufen, worauf sie zugreifen dürfen, wie Zugangsdaten beschränkt werden und wie Aktivitäten protokolliert werden. Gerade für regulierte Branchen wie Banken, Versicherungen oder Gesundheitswesen ist dieser Kontrollansatz essenziell. Ohne diese Garantien bleiben KI-Agenten für viele Konzerne ein Experiment, das nicht in den produktiven Einsatz gelangt.

Der Wettlauf mit Anthropic um Enterprise-Kunden

Hinter der Übernahme steckt mehr als nur Technologie. OpenAI und Anthropic liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Vorherrschaft bei KI-Coding-Agenten. Anthropics Claude Code gilt als wichtiger Wachstumstreiber für das Unternehmen. Beide Konkurrenten haben bereits vertrauliche Börsenprospekte eingereicht. Wer im Enterprise-Segment gewinnen will, braucht nicht nur die besten Modelle, sondern auch die Bereitstellungsschicht, die Konzernen mit höchsten Sicherheits- und Compliance-Anforderungen gerecht wird.

OpenAI bedient mittlerweile über zwei Millionen Geschäftskunden, doppelt so viele wie vor einem Jahr. Die Übernahme von Ona reiht sich ein in eine Serie von Zukäufen: Im März übernahm OpenAI das Cybersicherheits-Startup Promptfoo, im Januar das Health-Tech-Unternehmen Torch für rund 60 Millionen Dollar. Die größte Übernahme war 2025 Jony Ives Hardware-Startup io für über sechs Milliarden Dollar. Jeder dieser Deals fügt eine kritische Schicht hinzu: Sicherheit, Gesundheitskompetenz, Hardware und jetzt Cloud-Infrastruktur.

Gleichzeitig erwägt OpenAI laut Berichten Preissenkungen für seine KI-Produkte, um im Wettbewerb mit Anthropic die Nase vorn zu behalten. Beide Unternehmen stehen kurz vor ihrem Börsengang und kämpfen um Marktanteile bei Geschäftskunden. Anthropic hat mit einer 65-Milliarden-Dollar-Finanzierungsrunde im Mai eine Bewertung von 965 Milliarden Dollar erreicht und damit OpenAI überholt, das zuletzt mit 852 Milliarden Dollar bewertet wurde.

Ein großer Exit für den europäischen Investoren-Markt

Für den Wiener Risikokapitalgeber Speedinvest ist der Deal ein bedeutender Exit. Speedinvest war erster und größter Investor bei Ona und hat das Unternehmen seit der Gründung eng begleitet. Bemerkenswert: Erst wenige Wochen zuvor verkaufte Speedinvest seine Anteile am Linzer Physik-KI-Startup Emmi AI an Mistral. Zwei große europäische KI-Exits innerhalb kurzer Zeit zeigen, dass europäische Startups zunehmend als Übernahmekandidaten für amerikanische KI-Giganten attraktiv werden.

Ona-Gründer und CEO Johannes Landgraf sagte zur Übernahme: Agenten brauchen mehr als Intelligenz, sie brauchen einen vertrauenswürdigen Arbeitsplatz. Ona wurde genau dafür gebaut, Agenten Cloud-Umgebungen mit dem Kontext, der Kontrolle und der Zusammenarbeit zu geben, die Unternehmen verlangen. Der Weg zu OpenAI macht es möglich, dieses Fundament direkt in Codex einzubauen.

Was bedeutet das für den Markt?

Die Übernahme signalisiert einen klaren Trend: KI-Agenten werden vom Experimentierstadium zum produktiven Einsatz. Unternehmen verlangen nach Agenten, die nicht nur schlau sind, sondern auch sicher, überprüfbar und steuerbar in Unternehmensumgebungen arbeiten. Die Infrastrukturfrage wird damit zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Wer die Cloud-Ausführungsschicht kontrolliert, gewinnt die Gunst der Großkunden.

Zudem zeigt der Deal, dass europäische KI-Startups nicht nur als Übernahmekandidaten attraktiv sind, sondern strategische Technologien entwickeln, die globale Konzerne brauchen. Für den Standort Deutschland und Europa ist das ein wichtiges Signal: Innovation aus Kiel wird zum Baustein der weltweiten KI-Infrastruktur. Der Kaufpreis wurde nicht veröffentlicht, die Transaktion bedarf noch behördlicher Genehmigungen. Bis zum Abschluss bleiben beide Unternehmen unabhängig.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.