Netflix KI: 300 Titel mit Künstlicher Intelligenz produziert

von Marcel Buchholz 17. Juli 2026 3 Min. Lesezeit KI & Wirtschaft

Netflix hat erstmals eine Zahl genannt: Rund 300 Titel auf der Plattform kamen in diesem Jahr mit Hilfe generativer KI zustande. Co-CEO Ted Sarandos lieferte beim Q2-Ergebnis-Call konkrete Beispiele und verteidigte den Netflix KI-Einsatz als Werkzeug für Filmemacher, nicht als Ersatz für menschliche Kreativität.

17 Minuten KI-Footage in einer einzigen Serie

Die Dokumentationsserie “The American Experiment” enthält laut Sarandos 17 Minuten KI-verstärktes Material. Diese Szenen entstanden doppelt so schnell und zur Hälfte der Kosten verglichen mit herkömmlichen Methoden. Dabei handelt es sich um aufwändige Historien-Schlachten und Massenszenen, die ohne KI schlichtweg nicht realisierbar gewesen wären.

Weitere Titel mit Netflix KI-Einsatz nennen das Aktionärsschreiben “Glory” aus Indien und “Brasil 70: A Saga do Tri” aus Brasilien. Die Technik kommt vor allem im Bereich Pre-Visualization, VFX, Set-Referenzen und Postproduktion zum Einsatz. Besonders häufig nutzt Netflix KI für die Verbesserung von Menschenmengen und historischen Szenarien. Sarandos betonte, dass viele dieser Aufnahmen ohne generative KI gar nicht erst gedreht worden wären.

InterPositive: Ben Afflecks KI-Startup wird Teil von Netflix

Dieselbe Woche präsentierte Netflix die Übernahme von InterPositive, einem KI-Startup, das Schauspieler und Regisseur Ben Affleck 2022 gründete. Das 16-köpfige Team aus Ingenieuren, Forschern und Kreativen wechselt komplett zu Netflix. Affleck selbst wird als Senior Adviser fungieren.

InterPositive baut keine generativen Videos im Stil von OpenAIs Sora. Stattdessen erstellt das System ein KI-Modell basierend auf den Dailies einer Produktion. Filmemacher können damit Szenen neu beleuchten, Farben anpassen und visuelle Effekte hinzufügen, ohne den kreativen Prozess aus der Hand zu geben. Affleck betonte ausdrücklich, dass kreative Entscheidungen in den Händen der Künstler bleiben müssen. Die Werkzeuge seien bewusst so konzipiert, dass sie filmische Absichten schützen und gleichzeitig verantwortungsvolles Experimentieren ermöglichen.

20 Milliarden Content-Budget und der KI-Hebel

Die Frage nach InterPositives Einfluss auf das 20-Milliarden-Dollar-Content-Budget beantwortete Sarandos mit einem klaren Ja. Kosteneinsparungen durch KI fließen in mehr Content, was wiederum höhere Zuschauerbindung und Umsatz bringt. Zudem sicherte sich Netflix im Februar 2,8 Milliarden Dollar als Vertragsstrafe von Warner Bros., nachdem der geplante Zusammenschluss platzte.

Der Aktienmarkt reagierte dennoch skeptisch. Die Netflix-Aktie fiel nach dem Q2-Bericht um neun Prozent im Nachhandel. Der Umsatz stieg zwar um 13 Prozent auf 12,56 Milliarden Dollar, der Gewinn wuchs um 8,8 Prozent auf 3,4 Milliarden Dollar. Jedoch verfehlte die Quartalsprognose die Analystenerwartungen. Zudem kündigte Netflix an, Reed Hastings trat dem Anthropic-Aufsichtsrat bei, was die wachsende Verzahnung von Streaming und KI unterstreicht. Wie bereits beim Durchbruch von ChatGPT zur Milliarde Nutzern zeigt sich auch hier der Trend.

Transparenzlücke und EU AI Act

Die Debatte um KI in der Filmproduktion bleibt umstritten. Zwar betont Netflix, dass die Technik Filmemacher unterstützt statt ersetzt. Kritiker bemängeln jedoch die mangelnde Transparenz. Keine der 300 Produktionen war zuvor als KI-verstärkt gekennzeichnet worden. Zuschauer erfahren nicht, welche Szenen generiert wurden und welche nicht.

Der EU AI Act fordert ab August entsprechende Kennzeichnungen. Netflix wird sich bald positionieren müssen. Auch andere Studios geraten unter Druck. Amazon geriet für den KI-Einsatz in einer Animationsserie in die Kritik, und die Gewerkschaften SAG-AFTRA und WGA fordern verbindliche Regeln für den Einsatz generativer KI in der Produktion.

Netflix hingegen setzt auf Freiwilligkeit und betont, dass die KI-Werkzeuge die Qualität steigern und Kosten senken, ohne Arbeitsplätze zu gefährden. Content-Chefin Bela Bajaria erklärte, dass neue Werkzeuge die kreative Freiheit erweitern sollten, anstatt sie einzuschränken. Ob diese Beteuerung ausreicht, wenn 300 Titel bereits KI einsetzen, bleibt offen.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.