Mythos hackt NSA-Systeme in Stunden: Der wahre Grund für Claudes Sperre
Neun Tage dauert der längste KI-Ausfall der Geschichte bereits an. Anthropic darf sein stärkstes Modell Fable 5 nicht mehr anbieten. Jetzt wird klar, warum die US-Regierung so zögert: NSA-Direktor General Joshua Rudd hat vor dem Geheimdienstausschuss des Senats ausgesagt, dass Mythos in einem klassifizierten Red-Team-Test nahezu alle Systeme der NSA und des US Cyber Command geknackt hat. Nicht in Wochen. In Stunden.
Was im Senat hinter verschlossenen Türen passierte
Senator Mark Warner erhielt die Schilderung von Rudd am 11. Juni, einen Tag vor der Exportkontroll-Verfügung, die Fable 5 und Mythos 5 vom Markt nahm. Laut Berichten des Economist drang Mythos in dem klassifizierten Test in fast alle verschlüsselten Systeme der NSA ein. Der Test lief ohne die Sicherheitsfilter, die Fable 5 normalerweise aktiviert. Das Ergebnis alarmierte Beamte weit mehr als der öffentlich bekannte Jailbreak-Vorfall.
Anthropic hat den Jailbreak als eng begrenzt beschrieben: Eine Technik, bei der das Modell aufgefordert wird, eine bestimmte Codebasis zu lesen und Schwachstellen zu identifizieren. Das Unternehmen nennt das nicht universell und replizierbar durch andere öffentliche Modelle. Die Aussage von Rudd vor dem Senat zeigt jedoch, dass die Bedenken der Regierung deutlich über diesen einen Jailbreak hinausgehen.
Fable 5 taucht in der Android-App wieder auf
Am Sonntag berichteten Entwickler, dass der Name „Claude Fable 5″ im Modellauswähler der Claude-Android-App wieder aufgetaucht ist. Versuche, das Modell aufzurufen, lieferten eine neue Fehlermeldung: „Server ist vorübergehend bei Anfragen raten-limitiert.“ Ein abgeschaltetes Modell erzeugt keine Rate-Limits. Das deutet auf einen lebenden Backend-Server hin, der unter Last steht.
Auf der Prognoseplattform Kalshi lag die Wahrscheinlichkeit für eine Wiederfreischaltung vor dem 1. Juli bei 57 Prozent. Anthropic selbst hat keine Wiederinbetriebnahme bestätigt. API-Aufrufe an claude-fable-5 liefern weiterhin Fehler. Der internationale Managing Director Chris Ciauri sagte am 17. Juni in Seoul, er sei „sehr zuversichtlich“, dass die Modelle „in den kommenden Tagen“ zurückkehren.
David Sacks: Anthropic hat das Vertrauen des Weißen Hauses verloren
Der frühere KI-Czar des Weißen Hauses, David Sacks, sprach am Samstag im „All-In Podcast“ Klartext. Beamte und Privatunternehmen hätten Bedenken geäußert, dass Anthropics Modelle als „Cyberwaffe“ fungieren könnten. Sacks sagte, die Bedenken begannen, als CEO Dario Amodei ein früheres System als offen cyberoffensiv beschrieben habe.
Privatunternehmen, die Fable testeten, hätten Jailbreak-Schwachstellen identifiziert und diese an die Regierung weitergeleitet. Sacks behauptete, das Weiße Haus habe versucht, Anthropic zu kontaktieren. Der Vorwurf: Dario Amodei habe den Anruf abgelehnt. Anthropic hat diese Darstellung nicht öffentlich bestätigt.
Der Exportkontroll-Mechanismus ist ein Präzedenzfall
Die Verfügung nutzt den Export Control Reform Act von 2018, genauer die „Deemed Export“-Doktrin nach 15 CFR 734.13. Diese Regelung besagt: Wer einer ausländischen Person Zugang zu einer kontrollierten Technologie verschafft, auch innerhalb der USA, begeht einen Export. Deshalb musste Anthropic Fable 5 für alle Nutzer weltweit abschalten, da eine Echtzeit-Verifizierung der Staatsangehörigkeit bei API-Skalierung nicht möglich war.
Dies ist das erste Mal, dass die US-Regierung ECRA-Befugnisse auf die API eines kommerziellen KI-Modells anwendet. Jedes Frontier-Modell, das von einer ausländischen Person über eine API abgerufen wird, gilt nun potenziell als kontrollierter Dual-Use-Export, der per Regierungsauftrag innerhalb von 90 Minuten abgeschaltet werden kann.
Identitätsprüfung als Rückweg
Anthropics neue Identitätsrichtlinie, die am 8. Juli in Kraft tritt, verlangt von Konsumentennutzern Regierungsdokumente, Selfies und Gesichtsscans. Mit verifizierten US-Staatsbürgerschaftsdaten könnte Anthropic Fable 5 für inländische Nutzer freigeben, ohne dass das Handelsministerium die Verfügung formell aufheben muss. Der 8. Juli als Inkrafttreten deutet auf eine strukturierte, schrittweise Wiederherstellung hin.
Die Executive Order vom 2. Juni hatte die NSA, das Finanzministerium und CISA beauftragt, einen klassifizierten Benchmarking-Prozess zu entwickeln und ein freiwilliges Framework für 30 Tage Vorab-Zugang vor der Veröffentlichung zu schaffen. Die Frist: 1. August. Anthropic hatte Fable 5 am 9. Juni veröffentlicht, sieben Tage nach der Executive Order, ohne Vorab-Briefing der Regierung. Die Exportkontroll-Verfügung vom 12. Juni war die Durchsetzung dieses Frameworks.
Die Kluft zwischen Anthropics Position einer technischen Jailbreak-Korrektur und der Regierungsanforderung nach struktureller Vorab-Prüfung erklärt, warum die Wiederfreischaltung auf sich warten lässt. Ein Patch löst ein begrenztes technisches Problem. Ein Pre-Release-Zugangsframework verändert die Machtbalance zwischen Regierung und KI-Laboren grundlegend.