Nach zweiwöchigem Ringen um KI-Sicherheitskontrolle erlaubt die US-Regierung Anthropic, sein stärkstes Modell an rund 100 Organisationen freizugeben. Doch der Kampf ist nicht vorbei: Fable 5 bleibt weiter blockiert, und OpenAI zieht nach.
Was passiert ist
US-Handelsminister Howard Lutnick hat in einem Schreiben an Anthropic-Mitgründer Tom Brown die teilweise Freigabe von Claude Mythos 5 bestätigt. Konkret dürfen nun etwa 100 ausgewählte US-Unternehmen und Bundesbehörden auf das Modell zugreifen. Die Entscheidung hebt die vor zwei Wochen verhängte Sperre teilweise auf, behält aber alle übrigen Auflagen bei.
Anthropic bestätigte die Freigabe. Sprecher Eduardo Maia Silva erklärte, man arbeite daran, den zugelassenen Partnern schnellstmöglichen Zugang zu Mythos 5 zu verschaffen. Gleichzeitig betonte das Unternehmen, weiterhin an der allgemeinen Freigabe beider Modelle zu arbeiten.
Fable 5 bleibt blockiert
Die teilweise Freigabe betrifft ausschließlich Mythos 5, das auf Cybersicherheit und Infrastrukturschutz ausgerichtete Modell. Fable 5, die für Konsumenten bestimmte Variante, bleibt weiterhin gesperrt. Lutnick machte in seinem Brief keine Angaben zum weiteren Schicksal von Fable 5.
Die Blockade geht auf eine Exportkontrollverfügung vom 12. Juni zurück. Damals forderte die Regierung, dass ausländische Mitarbeiter, einschließlich derer mit US-Aufenthaltserlaubnis, keinen Zugang zu den Modellen erhalten dürften. Anthropic reagierte darauf mit einer kompletten Abschaltung beider Modelle.
Hintergrund: SK Telecom und NSA-Bedenken
Auslöser der Restriktionen waren mehrere Ereignisse gleichzeitig. Die Regierung hatte erfahren, dass Anthropic Mythos-Zugang an ein südkoreanisches Telekommunikationsunternehmen gewährt hatte, das angebliche Verbindungen zu China unterhielt. Zudem hatten Amazon und die National Security Agency unabhängig voneinander Bedenken geäußert, dass Fable 5 durch Jailbreaks umgangen werden könnte.
Diese Kombination überzeugte Beamte davon, dass ein Eingreifen notwendig sei. Anthropic reagierte darauf, indem es Sicherheitsexperten nach Washington entsandte. Tom Brown übernahm die Verhandlungsrolle von CEO Dario Amodei, unterstützt von Anthropics Politik-Chefin Sarah Heck.
OpenAI zieht nach
Am selben Tag kündigte OpenAI drei neue GPT-5.6-Modelle an und erklärte, die Veröffentlichung auf eine kleine Gruppe vertrauenswürdiger Partner zu beschränken. Das Unternehmen teilte mit, die Fähigkeiten der Modelle im Vorfeld mit der Regierung geteilt zu haben und eine breitere Veröffentlichung in den kommenden Wochen anzustreben.
Dean Ball, Leiter des Strategic-Futures-Teams bei OpenAI, schrieb in einem Blogbeitrag, die Entwicklung zeige, dass Frontier-KI-Entwickler nun eine ausdrückliche Genehmigung der Regierung benötigten. Das Muster ist klar: Washington kontrolliert den Zugang zu den stärksten KI-Modellen des Landes.
Behörden frustriert über fehlende Anleitung
Interessanterweise sind nicht nur die KI-Firmen unzufrieden. Bundes-CIOs, die für die IT-Sicherheit von Regierungsbehörden verantwortlich sind, beklagen mangelnde Anleitung durch das Weiße Haus. Das Office of the National Cyber Director hat viele technische Führungskräfte nicht einmal über Mythos informiert, geschweige denn einen Einsatzplan vorgelegt.
Fünf Insider berichteten gegenüber Nextgov/FCW von enormer Frustration. Während private Unternehmen die Modelle bereits nutzen, stehen Regierungsbehörden oft willkürlich blockiert da. Anthropic hatte im Mai eigenständig Briefings für Bundes-CIOs organisiert, um die Lücke zu füllen.
Was das bedeutet
Die teilweise Freigabe von Mythos 5 ist ein wichtiger Schritt, aber kein Ende. Anthropic strebt weiterhin die allgemeine Verfügbarkeit von Fable 5 an. Die Verhandlungen sollen am Wochenende weitergehen. Beide Seiten hoffen, dass die Lösung dieses Vorfalls zu einem dauerhaften Rahmenwerk für künftige Modellveröffentlichungen führen kann.
Für die KI-Industrie ist die Botschaft eindeutig: Wer die stärksten Modelle baut, braucht Washingtons Segen. Die Frage ist, ob dieser Ansatz Innovation fördert oder lähmt, und wo die Grenze zwischen nationaler Sicherheit und technologischem Fortschritt verläuft. Weitere Hintergründe zur KI-Cybersicherheitslage liefert unser früherer Bericht.