Microsoft MAI Modelle: Wenn der Copilot heimlich den Antrieb wechselt

von Marcel Buchholz 12. Juli 2026 3 Min. Lesezeit Software & Entwicklung

Microsoft tauscht die KI-Engines in Excel und Outlook aus, ohne Nutzer zu informieren. Eigene MAI-Modelle ersetzen zunehmend OpenAI und Anthropic hinter der Copilot-Oberfläche. Der Grund liegt auf der Hand: Geld.

Copilot sieht gleich aus, doch die Maschine dahinter ist eine andere

Millionen Büroanwender tippen täglich auf den Copilot-Button in Excel oder Outlook. Die Oberfläche bleibt unverändert, der Button sitzt am selben Platz. Doch was Nutzer nicht wissen: Die KI, die ihre Anfragen bearbeitet, ist längst nicht mehr immer die von OpenAI oder Anthropic. Microsoft leitet zunehmend Prompts an eigene MAI-Modelle weiter. Zehntausende Anfragen pro Woche laufen bereits über den hausinternen Antrieb, wie Insider berichten.

MAI steht für Microsoft AI, eine geschickte Namenswahl, die weniger offensichtlich mit dem Konzern verbunden ist als MS.AI. Die Strategie dahinter ist klar: Kosten senken. Microsoft-AI-Chef Mustafa Suleyman sagte auf der Build-Konferenz im Juni offen: “Wir zahlen viel Geld an Anthropic, also ist unser Ziel, diese Kosten zu reduzieren und letztlich zu eliminieren.”

Model Routing: Microsoft entscheidet, welche KI antwortet

Der Vorgang nennt sich Model Routing. Copilot und Azure sind Multi-Model-Plattformen. Das bedeutet: Microsoft wählt für jede Anfrage das günstigste Modell zuerst und dann das passendste. Eine Anfrage könnte über MAI laufen, die nächste über GPT, die dritte über Claude. Der Nutzer sieht nicht, welches Modell geantwortet hat.

Die Auto-Einstellung in Excel 365 wählt standardmäßig das günstigste Modell für Microsoft. Nutzer, die konsistente Ergebnisse wollen, können ein bestimmtes Modell aus dem Dropdown-Menü wählen. Doch die meisten belassen es bei Auto.

Sieben neue MAI-Modelle auf der Build-Konferenz

Auf der Build-Konferenz im Juni präsentierte Microsoft sieben neue MAI-Modelle. Sie decken Reasoning, Coding, Bildgenerierung, Sprache und Transkription ab. Microsoft behauptet, eines der Coding-Modelle erreiche die Leistung von Anthropic Opus 4.6 bei geringeren Kosten. Allerdings ist das eine Selbsteinschätzung, die in der Praxis noch nicht unabhängig bestätigt wurde.

Die MAI-Modelle stehen auch in GitHub Copilot zur Verfügung. Zudem plant Microsoft, ein eigenes Transkriptionsmodell in Teams und andere Produkte zu integrieren. Suleymans Team arbeitet auf volle Unabhängigkeit hin.

Was der Wechsel für Nutzer bedeutet

Für Alltagsnutzer ändert sich optisch nichts. Doch die Qualität der Antworten kann schwanken. Eine KI-Funktion, die im Frühjahr gute Ergebnisse lieferte, kann im Sommer plötzlich andere Antworten geben, obwohl App-Version und Button identisch aussehen.

Für Unternehmen und IT-Verantwortliche wird es ernst. Wer Compliance-Prüfungen gemacht hat, für den gilt: Ein Copilot-Feature, das vor sechs Monaten genehmigt wurde, läuft möglicherweise auf einem anderen Modell mit anderen Ausgaben, Latenzen und Datenverarbeitung. Microsoft bietet bisher keine Mieter-Level-Kontrollen an, um festzulegen, welches Modell welche Aufgabe übernimmt.

Der Ausstieg aus der OpenAI-Abhängigkeit

Microsoft hat seit Jahren einen Rabattvertrag mit OpenAI. Der läuft jedoch irgendwann aus. Wenn OpenAI die Preise erhöht oder die Konditionen verschlechtert, sitzt Microsoft in der Klemme, solange es keine Alternative hat. Genau dieses Risiko treibt die MAI-Entwicklung voran.

Gleichzeitig bleibt die Partnerschaft mit OpenAI bestehen. Microsoft nutzt weiterhin GPT-Modelle, wo sie überlegen sind. Doch der Trend ist eindeutig: Jede Aufgabe, die ein eigenes Modell übernehmen kann, wird künftig intern gelöst. Das spart nicht nur Geld, sondern gibt Microsoft auch Verhandlungsmacht zurück.

Transparenz bleibt auf der Strecke

Microsoft hat den Modellwechsel nicht öffentlich kommuniziert. Nutzer erfahren nicht, welche KI ihre Anfrage bearbeitet. Es gibt keine Benachrichtigung, kein Dashboard, keine Einstellung, um MAI-Modelle zu deaktivieren. Das ist problematisch, denn zahlende Kunden haben ein Recht zu wissen, welche Technologie hinter ihren Antworten steckt.

Die Beweggründe sind nachvollziehbar. Jeder Cloud-Anbieter optimiert Kosten. Doch wenn die Optimierung heimlich passiert und Nutzer keine Wahl haben, stellt sich die Frage nach der Fairness. Microsoft verkauft Copilot als Premium-Produkt. Wenn darunter zunehmend ein günstigeres Eigenmodell läuft, sollten Nutzer das wissen.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.