US-Handelsminister Howard Lutnick hat Anthropic per Exportkontrollverfügung gezwungen, seine beiden stärksten KI-Modelle weltweit abzuschalten. Der Eingriff markiert einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen Washington und der KI-Industrie. Zudem wirft er grundlegende Fragen zur Rechtsgrundlage auf.
Was passiert ist
Am 9. Juni 2026 veröffentlichte Anthropic die Modelle Fable 5 und Mythos 5. Fable 5 war als öffentliches Modell gedacht, Mythos 5 ausschließlich für geprüfte Cybersicherheitsexperten. Drei Tage später entdeckten Forscher bei Amazon, Anthropics größtem Investor, einen Jailbreak, der beide Modelle dazu brachte, gefährliche Cybersicherheitshinweise zu liefern. Amazon-CEO Andy Jassy eskalierte den Fund direkt an Finanzminister Scott Bessent, Handelsminister Lutnick und National Cyber Director Harry Coker Jr.
Noch am selben Abend sandte Lutnick einen Brief an Anthropic-CEO Dario Amodei. Darin ordnete er Exportkontrollen für beide Modelle an, ohne eine konkrete nationale Sicherheitsbegründung zu liefern. Um Mitternacht am 12. Juni schaltete Anthropic beide Modelle weltweit für alle Nutzer ab.
Neuerrechtliche Grauzone
Die Verfügung beruht auf Exportkontrollgesetzen, die bisher physische Güter, Quellcode und technische Daten abdeckten. Jedoch hat die US-Regierung noch nie cloudbasierte KI-Modelle auf diese Weise kontrolliert. Nutzer greifen auf Claude über einen Chatbot zu. Sie erhalten weder Quellcode noch Modellgewichte. Deshalb ist unklar, ob die bloße Nutzung eines cloudbasierten Dienstes als Technologieexport gilt.
Kate Koren vom Center for Strategic and International Studies erklärte gegenüber Bloomberg: „Jetzt, nachdem das Handelsministerium dies getan hat, kann kein Unternehmen mehr ausschließen, dass es jederzeit bei jedem Modell passiert.“ Diese Aussage verdeutlicht die weitreichenden Konsequenzen für die gesamte Branche.
Politische und geopolitische Folgen
Die Abschaltung erzeugte sofort geopolitische Wellen. Chinas Zhipu AI startete am 13. Juni GLM-5.2 und verwies ausdrücklich auf die US-Sperre als Beweis dafür, dass amerikanische Modelle unzuverlässige Partner seien. Der Aktienkurs von Zhipu stieg um 33 Prozent in einer einzigen Sitzung.
Mehr als 100 Cybersicherheitsexperten, darunter Alex Stamos von Stanford und Katie Moussouris, veröffentlichten einen offenen Brief. Sie forderten die Aufhebung der Sperre, da sie die Werkzeuge entziehe, auf die Verteidiger angewiesen seien. Gleichzeitig berichtete Semafor, dass das Weiße Haus vermute, eine mit China verbundene Gruppe habe vor der Abschaltung auf Mythos zugegriffen.
Amazon in doppelter Rolle
Amazons Position in diesem Konflikt ist besonders heikel. Einerseits ist das Unternehmen Anthropics größter Finanzier. Andererseits lieferten Amazon-Forscher den Auslöser für die Verfügung. Diese Spannung wurde erstmals am 14. Juni von Fortune berichtet und wirft Fragen zur Interessenkollision auf.
Konsequenzen für die KI-Branche
Cohere-CEO Aidan Gomez sprach auf der VivaTech-Konferenz Klartext: „Genau das haben wir immer gesagt. Wer sich auf zentrale Großanbieter verlässt, riskiert den Zugang zu verlieren.“ Seine Forderung nach einer diversifizierten KI-Lieferkette gewinnt durch den Vorfall neue Dringlichkeit.
Am Montag treffen Anthropics technische Mitarbeiter auf Beamte des Handelsministeriums in Washington. Die Gespräche gelten als erste formelle Möglichkeit zur Deeskalation. Allerdings haben sich die Frontlinien verhärtet. Ein Regierungsbeamter sagte gegenüber Axios: „Sie haben uns herelegt.“ Anthropic bestreitet diese Darstellung. Die konkurrierenden Aussagen wurden bislang nicht ausgeräumt.
Ausblick
Falls die Gespräche scheitern, riskieren die USA weiteren Boden an chinesische Konkurrenten zu verlieren. Gleichzeitig bleiben die eigenen Cybersicherheitsverteidiger von den Werkzeugen ausgeschlossen, die sie schützen sollen. Für Anthropic droht nicht nur Umsatzverlust, sondern auch der Vertrauensverlust in die fundamentale Behauptung, dass Sicherheit und Leistungskraft vereinbar sind.
Der Vorfall zeigt: Ad-hoc-Eingriffe ohne klare Regeln schaffen keine Stabilität. Wenn Washington den Zugang zu leistungsstarker KI kontrollieren will, braucht es transparente Maßstäbe statt kurzfristiger Verfügungen. Andernfalls wandern Kunden und Talent ins Ausland.