Ein einziger umgestürzter Strommast bei Washington, D.C. hat ausgereicht, um mehr als 3 Gigawatt an KI-Rechenzentren vom Netz zu trennen. In nur 30 Sekunden verschwand eine Strommenge, die ausreichen würde, um Millionen Haushalte zu versorgen. Die Folge war eine Spannungsspitze, die sich über 1.600 Kilometer bis nach Chicago ausbreitete. Das Netz brauchte 11 Minuten, um sich zu stabilisieren. Experten warnen: Das war nur der Vorbote.
Was genau passierte am 22. Juli?
Am Morgen des 22. Juli 2026 fiel nahe Washington eine Übertragungsleitung aus. Normalerweise würde das Netz so eine Störung in Millisekunden ausgleichen. Doch diesmal reagierten die Rechenzentren in Nord-Virginia gleichzeitig. Ihre Schutzsysteme erkannten die Spannungsschwankung und schalteten auf Notstrom um. Dadurch fiel schlagartig eine Last von 3,1 Gigawatt vom Netz. Das entspricht etwa drei Prozent der Gesamtnachfrage im PJM-Netz, dem größten Stromverbund der USA mit 67 Millionen Kunden.
Die plötzliche Lastabtrennung erzeugte einen Überschuss von 3,49 Gigawatt auf dem Netz. Spannungen stiegen, Lichter flackerten in einem Gebiet von New Jersey bis Illinois. Sensoren des Startup Ting Labs zeichneten die Störung über den gesamten PJM-Bereich auf. Es dauerte rund 11 Minuten, bis das Netz wieder stabil war. Üblicherweise dauern solche Korrekturen Sekundenbruchteile.
Warum KI-Rechenzentren das Netz gefährden
Nord-Virginia beherbergt die größte Konzentration von Rechenzentren weltweit. KI-Unternehmen wie Amazon, Google und Microsoft betreiben dort riesige Anlagen für das Training und den Betrieb ihrer Modelle. Diese Rechenzentren reagieren auf Spannungsschwankungen, indem sie sich sofort vom Netz trennen und auf Batterie- oder Diesel-Notstrom umschalten. Das Problem dabei: Sie tun es alle fast gleichzeitig.
Ali Zain Banatwala, Spezialist beim Independent Electricity System Operator, beschrieb das Problem gegenüber TechCrunch so: Die Rechenzentren entscheiden in Sekundenbruchteilen und nahezu synchron. Eine geordnete, gestaffelte Abtrennung gibt es nicht. Stattdessen verschärft jede Trennung die Spannungsschwankung für die verbleibenden Anlagen am Netz.
Doppelt so schlimm wie 2024
Bereits im Juli 2024 hatte ein ähnlicher Vorfall stattgefunden. Damals trennten sich 60 Rechenzentren gleichzeitig ab und zogen 1,5 Gigawatt vom Netz. Diesmal war es mehr als doppelt so viel. Der Grund dafür ist das rasante Wachstum der KI-Infrastruktur. Laut dem Natural Resources Defense Council prognostiziert PJM einen jährlichen Zubau von 5 bis 7 Gigawatt an Rechenzentrumsnachfrage, aber nur 2 bis 3 Gigawatt an neuer Stromerzeugung bis 2032.
Folge: Ab Sommer 2026 hat PJM gerade noch genug Kapazität für eine zuverlässige Versorgung. Ohne Gegenmaßnahmen drohen ab Juni 2027 rollierende Abschaltungen bei Hitzewellen oder Winterstürmen. Verbraucher in der Region könnten bis 2033 mit 163 Milliarden Dollar an Zusatzkosten belastet werden. Eine Durchschnittsfamilie müsste 2028 mit rund 70 Dollar mehr pro Monat auf der Stromrechnung rechnen.
Lösungen stehen noch am Anfang
Das Startup ON.Energy entwickelt eine unterbrechungsfreie Stromversorgung für ganze Rechenzentrumscampusse. Das System verdeckt die Lastschwankungen hinter einer Batteriebank und verhindert, dass das Netz Sprünge registriert. ON.Energy installiert derzeit 3 Gigawatt an solchen Systemen an vier Standorten. Auch ERCOT, der texanische Netzbetreiber, plant, große Verbraucher zur sogenannten Ride-Through-Pflicht zu zwingen. Das bedeutet: Rechenzentren müssten kurzfristige Spannungsschwankungen aushalten, anstatt sich sofort abzutrennen.
Eine bipartisanale Koalition von über 50 Bundesstaat-Abgeordneten fordert zudem, dass Rechenzentren ihre eigene Stromversorgung mitbringen müssen. Statt das öffentliche Netz zu belasten, sollen sie Eigenkapazitäten aus Batterien, Gaskraftwerken oder Demand-Response-Programmen nachweisen. Doch bis solche Regelungen greifen, bleibt das Netz verwundbar. Jeder weitere Gigawatt KI-Rechenleistung erhöht das Risiko.
Fazit
Der Vorfall vom 22. Juli zeigt, dass die KI-Revolution nicht nur Rechenleistung braucht, sondern auch eine Strominfrastruktur, die mit dem Wachstum mithält. Ein einzelner Strommast hat gereicht, um das größte US-Netz ins Wanken zu bringen. Wenn Rechenzentren bis 2040 auf 24 Prozent der PJM-Last anwachsen, wird dieser Vorfall nicht der letzte gewesen sein.
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