Die beiden führenden KI-Firmen liefern sich ein beispielloses Wettrennen um Entwickler. OpenAI verschenkt seinen KI-Programmierassistenten Codex für zwei Monate, Anthropic zieht mit verdoppelten Nutzungslimits für Claude Code nach. Der Kampf um die Gunst von Programmierern zeigt, wie hoch die Einsätze in der Enterprise-KI geworden sind.
OpenAI verschenkt Codex für zwei Monate
Sam Altman verkündete am 14. Mai auf X: Unternehmen, die sich innerhalb von 30 Tagen anmelden, erhalten zwei Monate kostenlosen Zugang zu Codex. Das Angebot richtet sich ausdrücklich an Firmenkunden, also genau die Zielgruppe, die den meisten Umsatz bringt. Codex, OpenAIs KI-Programmieragent auf Basis von GPT-5.2, soll damit in möglichst viele Unternehmens-Workflows eingebaut werden.
Dabei ist Codex längst kein Nischenprodukt mehr. Über eine Million Entwickler nutzen den Dienst bereits. Die Strategie dahinter ist offensichtlich: Wer erst einmal mit Codex arbeitet, bleibt dabei. Die Einstiegshürde soll auf null sinken, damit Unternehmen gar nicht erst nach Alternativen suchen.
Anthropic kontert mit verdoppelten Claude-Code-Limits
Nicht einmal eine Stunde nach Altmans Ankündigung folgte der Gegenschlag. Anthropic postete, dass Claude Codes wöchentliche Nutzungslimits um 50 Prozent steigen, und das bis zum 13. Juli. Zudem hatte das Unternehmen bereits am 6. Mai die Fünf-Stunden-Ratenlimits für alle bezahlten Tarife verdoppelt und die Stoßzeiten-Drosselung für Pro- und Max-Konten abgeschafft. Bereits im Vorfeld hatte Anthropic OpenAI bei der Unternehmensnutzung überholt, was den Wettbewerb verschärft.
Hinter dem Limit-Anstieg steckt ein gewaltiger Infrastruktur-Schub. Anthropic sicherte sich die gesamte Rechenkapazität von SpaceX Colossus-1-Rechenzentrum, also mehr als 220.000 Nvidia-GPUs mit über 300 Megawatt Leistung. Dazu kommen ein Fünf-Gigawatt-Deal mit Amazon, ein weiterer Fünf-Gigawatt-Vertrag mit Google und Broadcom sowie 30 Milliarden Dollar Azure-Kapazität über Microsoft und Nvidia. Der gigantische Energiebedarf dieser Rechenzentren ist jedoch nicht ohne Folgen, wie hohe Strompreise in Europa zeigen.
Warum die Einsätze so hoch sind
Beide Firmen kämpfen um Unternehmenskunden, weil dort das meiste Geld liegt. Anthropic wird derzeit mit bis zu 900 Milliarden Dollar bewertet, OpenAI sogar mit 840 Milliarden. Solche Bewertungen erfordern Umsätze in Milliardenhöhe, und die kommen nicht von Privatnutzern mit 20 Dollar im Monat. Deshalb die Gratis-Angebote: Wenn ein Unternehmen erst einmal seine Entwickler-Workflows auf eine Plattform migriert hat, ist der Wechsel teuer und aufwändig.
Auch das Timing ist kein Zufall. Google I/O startet am 19. Mai, und Gemini 4.0 wird erwartet. Zudem gibt es mit Zerostack einen neuen Open-Source-Programmieragenten in Rust, der gerade auf Hacker News für Aufsehen sorgt. Der Markt für KI-Programmierwerkzeuge wird jeden Tag härter umkämpft.
Was bedeutet das für Entwickler?
Für Programmierer ist die Lage paradox: Noch nie gab es so viele gute KI-Werkzeuge, und noch nie waren so viele davon kostenlos verfügbar. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern. Wer seinen Workflow auf Codex oder Claude Code aufbaut, muss später tief in die Tasche greifen, wenn die Gratis-Phase endet. Zudem verbraucht das neue Opus-4.7-Modell von Anthropic deutlich mehr Token als frühere Versionen, was die Kosten nach der Probezeit in die Höhe treibt.
Die Frage lautet also nicht, ob KI beim Programmieren hilft. Sie lautet: Zu welchem Preis? Und wer am Ende das Rennen um die Entwickler-Gunst gewinnt, entscheidet sich nicht durch die bessere Technologie allein, sondern durch die tiefste Integration in bestehende Arbeitsabläufe.