Die KI-Industrie steht an einem Wendepunkt: Eine Anthropic-Umfrage zeigt, dass die Hälfte der Claude-Nutzer KI bereits für mehr als 50 Prozent ihrer Arbeit einsetzt. Doch gleichzeitig sprengen die Kosten alle Grenzen. Das Startup Lindy hat Anthropic komplett verlassen und spart jetzt Millionen mit DeepSeek. Der KI-Kostenexplosion fehlt offenbar die Gegenrechnung.
Halbe Arbeit, halbe Wahrheit
Anthropic hat rund 9.700 Claude-Nutzer befragt. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Etwa 33 Prozent sehen KI als geeignet für 30 bis 60 Prozent ihrer Aufgaben. Weitere 14 Prozent setzen sogar auf 60 bis 90 Prozent. Rund 4 Prozent glauben, dass Claude bereits ihren ganzen Beruf übernehmen könnte. Innerhalb eines Jahres erwarten 26 Prozent, dass KI den Großteil ihrer Arbeit übernimmt. Dabei sind die Erwartungen erstaunlich einheitlich, unabhängig von Erfahrung, Branche oder Standort.
Allerdings messen die Befragten nur Einzel-Aufgaben wie Texterstellung oder Datenbankabfragen. Die eigentliche berufliche Arbeit besteht jedoch aus deutlich mehr als der Summe solcher Einzelaufgaben. Zudem nutzen die intensivsten Claude-Anwender KI besonders optimistisch, weil sie ihre eigenen Fähigkeiten aufgewertet sehen. Daraus eine flächendeckende Arbeitsersatz-Prophezeiung abzuleiten, wäre daher voreilig.
Lindy steigt bei Anthropic aus
Während Anthropic also demonstriert, wie nützlich Claude ist, zeigt ein anderes Beispiel die Kehrseite der Medaille. Das 25-köpfige Startup Lindy hat sämtlichen Traffic von Anthropic zu DeepSeek verschoben. Gründer Flo Crivello sprach in einem CNBC-Interview von untragbaren KI-Kosten, die sogar die Personalausgaben überstiegen. Der Wechsel ließ die Kostenkurve laut Crivello förmlich in den Boden stürzen und spart Millionen innerhalb weniger Monate.
Crivello betont, dass die Entscheidung reines Überlebensgeschäft sei. Er würde zu Claude zurückkehren, sobald Anthropic die Preise senkt. Das Startup war von Anfang an auf sinkende Token-Kosten ausgelegt, doch diese Erwartung hat sich zuletzt nicht mehr erfüllt. Sowohl Anthropic als auch OpenAI haben ihre Preisnachlässe verlangsamt.
Tokenmaxxing ist vorbei
Der Begriff Tokenmaxxing beschrieb die Phase, in der Unternehmen Mitarbeiter dazu anhielten, möglichst viele KI-Tokens zu verbrauchen, ohne auf Effizienz zu achten. Diese Ära neigt sich dem Ende zu. Uber beispielsweise hat ein Jahresbudget von 1.500 Dollar pro Monat für KI-Tools eingeführt, nachdem das gesamte KI-Budget bereits nach vier Monaten aufgebraucht war. Beratungsunternehmen wie Highspring berichten von Kunden, die erst einmal 12 bis 18 Monate abwarten, bevor sie wieder investieren.
Derweil laufen 95 Prozent der Unternehmens-KI-Nutzung laut Glean-CEO Arvind Jain weiterhin auf Frontier-Modelle wie Claude oder GPT. Das ist wie mit einem Sportwagen zum Supermarkt fahren: Leistungsfähig, aber extrem teuer für alltägliche Aufgaben. Model Routing, also die Zuordnung von Aufgaben an das passende Modell, könnte hier Abhilfe schaffen.
Druck auf die Börsengänge
Die Kostendebatte trifft Anthropic und OpenAI zum schlechtesten Zeitpunkt. Beide haben Anfang Juni vertrauliche Börsengangs-Anträge eingereicht. Anthropic verzeichnete zuletzt 47 Milliarden Dollar Jahresumsatz, OpenAI lag bei rund 25 Milliarden. Doch Analyst Gil Luria von D.A. Davidson warnt: Die aktuellen Wachstumsraten sind vermutlich die höchsten, die beide Unternehmen je sehen werden. Wenn Großkunden anfangen, Token-Ausgaben zu begrenzen, könnte das einen Dämpfer bedeuten.
JPMorgan hat ebenfalls Alarm geschlagen und vor einem Flash-Crash-Risiko bei überfüllten KI-Aktien gewarnt. Die Frage lautet nun: Wie lange können OpenAI und Anthropic ihre Preise hochhalten, während DeepSeek und andere günstige Alternativen den Markt unter Druck setzen? Für Unternehmen wie Lindy ist die Antwort bereits klar. Sparen ist das neue Tokenmaxxing.