Drei Giganten der Künstlichen Intelligenz stehen gleichzeitig vor dem Börsengang. Noch nie hat die Finanzwelt ein derartiges Aufeinandertreffen erlebt. SpaceX mit seiner KI-Tochter xAI, OpenAI und Anthropic drängen alle im selben Jahr an die Börse und bringen zusammen mehr als drei Billionen Dollar Marktkapitalisierung mit. Doch die Fragen sind größer als die Zahlen: Wer überlebt den Wettlauf um Rechenleistung, wer macht tatsächlich Gewinn und was bedeutet dieser IPO-Schub für die gesamte Branche?
SpaceX geht voran: SPCX mit 1,75 Billionen Dollar Bewertung
SpaceX hat als erstes die Katze aus dem Sack gelassen. Das Unternehmen veröffentlichte seine S-1-Registrierung und plant den größten Börsengang der Geschichte. Die Bewertung: 1,75 Billionen Dollar. Der geplante Börsengang unter dem Tickersymbol SPCX könnte bereits am 12. Juni stattfinden. Goldman Sachs führt die Bankenkonsortien an, gefolgt von Morgan Stanley, Bank of America, Citigroup und JPMorgan Chase.
Allerdings zeigen die Zahlen auch die Kehrseite. Im ersten Quartal 2026 erzielte SpaceX rund 4,7 Milliarden Dollar Umsatz und verlor gleichzeitig fast 4,3 Milliarden. Im Vorjahr betrug der Umsatz 18,7 Milliarden Dollar bei einem Verlust von 4,9 Milliarden. Die KI-Entwicklung verschlingt also gewaltige Summen. Zudem sorgt Elon Musks nahezu absolute Kontrolle über das Unternehmen für Diskussionen. Nur er selbst kann sich feuern, und seine Verbündeten halten die Stimmmehrheit im Board.
Anthropic schreibt erstmals schwarze Zahlen
Während SpaceX noch tief in den roten Zahlen steckt, hat Anthropic eine bemerkenswerte Wende vollzogen. Das Unternehmen hinter Claude erwartet im zweiten Quartal 2026 einen Umsatz von 10,9 Milliarden Dollar und damit den ersten Betriebsgewinn seiner Geschichte: 559 Millionen Dollar Operativgewinn. Das bedeutet ein Wachstum von 130 Prozent gegenüber dem Vorquartal mit 4,8 Milliarden Dollar Umsatz. Zwei Jahre früher als intern geplant erreicht Anthropic die Profitabilität.
Doch es gibt einen Haken. Die Profitabilität könnte kurzlebig sein, weil gewaltige Rechnungen für Rechenleistung anstehen. Die SpaceX-S-1-Unterlagen offenbarten einen beispiellosen Vertrag: Anthropic zahlt SpaceX 1,25 Milliarden Dollar pro Monat für Zugang zu den Colossus-Rechenzentren in Tennessee und Mississippi. Das sind 15 Milliarden Dollar jährlich bis Mai 2029. Zusätzlich bestätigte Anthropic diese Zahlen.
OpenAI drängt zum IPO: 850 Milliarden Bewertung im Visier
OpenAI bereitet ebenfalls den Sprung an die Börse vor. Laut Berichten könnte das Unternehmen schon diese Woche einen vertraulichen Börsenantrag einreichen. Goldman Sachs und Morgan Stanley beraten den ChatGPT-Hersteller. Die angestrebte Bewertung liegt bei über einer Billion Dollar, die private Bewertung beläuft sich auf mindestens 850 Milliarden. Der Börsengang könnte im vierten Quartal 2026 erfolgen.
OpenAI hat bisher über 180 Milliarden Dollar von Investoren eingesammelt. Der jährliche wiederkehrende Umsatz liegt bei rund 25 Milliarden Dollar. Allerdings verbrennt das Unternehmen weiterhin Geld in historischem Ausmaß. CFO Sarah Friar betonte kürzlich, dass ein Unternehmen dieser Größe gut beraten sei, sich wie ein börsennotiertes Unternehmen zu verhalten. Eine konkrete Zeitlinie wollte sie nicht nennen.
Rechenleistung als Engpass der KI-Industrie
Der Anthropic-SpaceX-Vertrag offenbart den eigentlichen Flaschenhals der Branche: Rechenleistung. Wer genügend GPUs und Rechenzentren kontrolliert, diktiert das Tempo der KI-Entwicklung. SpaceX positioniert sich damit als doppelter Player, nämlich als KI-Entwickler und als Rechenzentrums-Vermieter. Im S-1-Dokument spricht das Unternehmen von einer Strategie der dualen Monetarisierung.
Anthropic braucht die Rechenleistung dringend. Die wachsende Nachfrage nach Claudes Programmierwerkzeugen und Unternehmenslösungen treibt den Umsatz, erfordert aber auch massiv mehr Infrastruktur. Die 15 Milliarden Dollar jährlich an SpaceX sind ein gewaltiger Preis für diese Abhängigkeit. Falls Anthropic die Profitabilität nicht durchhalten kann, wird das bei einem späteren IPO zum Risiko.
Was der Mega-IPO-Schub für Anleger bedeutet
Drei IPOs mit einer kombinierten Marktkapitalisierung von drei Billionen Dollar innerhalb weniger Monate sind beispiellos. Typische IPOs bieten 15 bis 25 Prozent der Aktien öffentlich an. Bei dieser Größenordnung müssten Indexfonds allein für SpaceX über 200 Milliarden Dollar aufnehmen. Die sogenannte Float-Paradox-Gefahr: Wenn passive Fonds gezwungen sind, diese neuen Aktien zu halten, könnte das Umschichtungen im S&P 500 auslösen und bestehende Positionen destabilisieren.
Außerdem prallen zwei Rivalen auf der Wall Street aufeinander. Elon Musk und Sam Altman kämpfen nicht mehr nur vor Gericht, sondern auch um das Kapital der Anleger. Musks Prozess gegen OpenAI scheiterte kürzlich an der Verjährung. Nun tragen die beiden ihren Konflikt auf den Aktienmarkt aus. Für Kleinanleger bedeutet das eine historische Chance und ein historisches Risiko zugleich. Auch der gescheiterte Prozess zeigt, wie tief die Rivalität reicht.
Denn eines ist klar: Noch nie standen so viele KI-Unternehmen gleichzeitig an der Schwelle zur Börse. Wer davon langfristig dominiert, entscheidet sich nicht heute. Aber 2026 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die KI-Revolution an der Wall Street ankam.