KI-Exportlücke: OpenAI und Google liefern an sanktionierte China-Firmen

von Marcel Buchholz 12. Juli 2026 2 Min. Lesezeit KI-Ethik

Eine Financial-Times-Untersuchung offenbart eine brisante Lücke im US-Exportregime: OpenAI und Google liefern fortschrittliche KI-Modelle an Singapurer Tochtergesellschaften von Alibaba, Baidu und Tencent. Alle drei Mutterkonzerne stehen auf der Pentagon-Liste 1260H für Firmen mit angeblichen Verbindungen zum chinesischen Militär. Die Verkäufe sind völlig legal, und genau das beunruhigt Washington.

Wie die Singapur-Route funktioniert

US-Exportkontrollen basieren auf zwei Säulen: benannte Unternehmen und benannte Orte. Festlandchina ist eingeschränkt, Singapur nicht. Eine chinesische Firma, die in Washington sanktioniert ist, kann eine Tochtergesellschaft in Singapur registrieren. Auf dem Papier ist diese Einheit dann ein singapurisches Unternehmen, das Verträge abschließen kann, die der Mutterkonzern nicht unterschreiben dürfte. OpenAI blockiert den direkten Zugang aus Festlandchina, erlaubt aber chinesisch geführten Unternehmen den Zugang in Regionen, in denen es Sicherheitsvorkehrungen durchsetzen kann. Google bietet seine KI-Dienste in Singapur und Hongkong unter Nutzungsbedingungen an.

Anthropic zieht eine härtere Linie

Anthropic geht einen anderen Weg als die Konkurrenz. Das Unternehmen sperrt chinesische Konzerne und deren ausländische Töchter komplett von seinen Spitzenmodellen aus. Zudem drängt Anthropic Washington auf weitreichendere Exportkontrollen für KI-Software. Bereits im Juni hatte das Unternehmen Alibaba beschuldigt, rund 25.000 Fake-Accounts erstellt zu haben, um über 28 Millionen Interaktionen mit Claude-Modellen zu generieren.

Destillation als Kernproblem

Im vergangenen Monat suspendierte OpenAI den API-Zugang für Alibaba-verbundene Nutzer. Der Grund: Verdacht auf Destillation. Dabei werden die Ausgaben eines führenden KI-Modells genutzt, um ein konkurrierendes System zu trainieren. Google räumt ein, dass geografische Beschränkungen allein nicht ausreichen, um diese Praxis zu stoppen. Das Problem reicht weit über einzelne Firmen hinaus. Wenn Spitzenmodelle frei über befreundete Rechtsgebiete an gelistete Konzerne fließen, wirkt das gesamte US-Exportregime für Chips plötzlich porös auf der Software-Ebene.

Was Washington jetzt tun muss

Kritiker fordern, dass Exportkontrollen sich auf Fähigkeiten konzentrieren sollten, nicht auf Unternehmensadressen. Chris McGuire vom Council on Foreign Relations argumentiert, dass die fortschrittlichsten Modelle unabhängig vom Standort der Nutzer aus den Händen chinesischer Firmen bleiben müssen. Alibaba hat bereits vor einem US-Gericht beantragt, von der 1260H-Liste gestrichen zu werden. Der Ausgang dieses Verfahrens könnte den Weg für strengere KI-Exportregeln ebnen oder die bestehenden Lücken noch größer machen. Fest steht: Die nächste Front im KI-Wettlauf dreht sich nicht um Chips, sondern darum, wer die Modelle betreiben darf, die auf diesen Chips trainiert wurden.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.