KI-Chefs rudern zurück: Altman und Amodei dementieren Job-Apokalypse

von Marcel Buchholz 27. Mai 2026 3 Min. Lesezeit Politik

Sam Altman und Dario Amodei haben das gesamte letzte Jahr über eine Job-Apokalypse durch Künstliche Intelligenz gewarnt. Jetzt rudern beide zurück und behaupten, KI werde eher Jobs schaffen als zerstören. Allerdings kommt dieser Sinneswandel just in dem Moment, in dem beide Unternehmen an die Börse drängen.

Altman gesteht Fehler ein

OpenAI-Chef Sam Altman hat bei einer Konferenz der Commonwealth Bank of Australia in Sydney eingestanden, dass seine Vorhersagen zur Jobvernichtung durch KI falsch waren. Zuvor hatte er wiederholt gewarnt, dass “ganze Berufsklassen” verschwinden würden und KI “wahrscheinlich die meisten Jobs ersetzen” könne. Nun jedoch erklärte er, er sei “erfreut, sich geirrt zu haben”. Die Auswirkungen auf Einstiegspositionen im Bürobereich seien deutlich geringer ausgefallen als befürchtet.

Altman führte ein persönliches Experiment als Wendepunkt an. Er hatte versucht, seine Slack- und E-Mail-Antworten an KI zu delegieren, kehrte dann aber zur manuellen Bearbeitung zurück. Zwischenmenschliche Kommunikation lasse sich eben nicht einfach automatisieren. Dennoch bleibt die Frage, ob dieser Sinneswandel ehrlich gemeint ist oder doch eher getrieben vom geplanten OpenAI-Börsengang.

Amodei entdeckt das Jevons-Paradoxon

Anthropic-CEO Dario Amodei hat eine ähnliche Kehrtwende hingelegt. Im Mai 2025 hatte er noch gewarnt, KI könnte die Hälfte aller Bürojobs eliminieren und die Arbeitslosigkeit auf 10 bis 20 Prozent treiben. Damals nannte er es eine Pflicht, ehrlich über die kommenden Veränderungen zu sein.

Jetzt jedoch erzählt Amodei eine andere Geschichte. Er beruft sich auf das Jevons-Paradoxon, einen wirtschaftlichen Effekt, bei dem Effizienzsteigerungen den Verbrauch erhöhen statt zu senken. Konkret gesagt: Wenn KI 90 Prozent eines Jobs übernimmt, dann konzentrieren sich Menschen auf die verbleibenden 10 Prozent. Diese 10 Prozent dehnen sich dann aber aus und vervielfachen die Produktivität. Aus Jobverlust wird plötzlich Produktivitätsgewinn.

Das Timing wirft Fragen auf

Dass beide CEOs ihre Warnungen genau jetzt zurücknehmen, fällt auf. OpenAI plant einen Börsengang im September mit einer Bewertung von 60 Milliarden Dollar. Anthropic sucht derweil 30 Milliarden Dollar frisches Kapital bei einer Bewertung von 900 Milliarden. Wer Anleger für sich gewinnen will, tut gut daran, keine Job-Apokalypse vorherzusagen.

Peter Wildeford vom AI Policy Network bringt es auf den Punkt: Die öffentliche Meinung zu KI sei deutlich negativ. Die KI-Branche reagiere darauf mit einem Strategiewechsel. Statt Jobverlust werde nun Jobwachstum propagiert. Ob diese Prognose nun realistischer ist oder lediglich einen narrativen Zweck erfüllt, lässt sich schwer sagen.

Was die Daten tatsächlich zeigen

Die Faktenlage ist widersprüchlich. Einerseits verzeichnen Tech-Unternehmen 2026 bereits über 115.000 Entlassungen, wie Layoffs.fyi dokumentiert. Meta hat allein in diesem Monat rund 8.000 Stellen gestrichen, zehn Prozent der Belegschaft, mit KI als Begründung. Intuit hat 3.000 Menschen entlassen. Insgesamt wurden bis April fast 50.000 Jobabbauten explizit auf KI zurückgeführt.

Andererseits findet das Yale Budget Lab keine signifikanten Veränderungen in der Berufszusammensetzung oder der Arbeitslosigkeitsdauer in KI-exponierten Berichten seit dem ChatGPT-Start 2022. Goldman-Sachs-CEO David Solomon argumentiert, die zivile US-Beschäftigung sei seit 1962 um 145 Prozent gewachsen. Allein der Rechenzentrums-Bau habe seit 2022 200.000 Jobs geschaffen.

Die Wahrheit liegt dazwischen

Die Realität ist komplizierter als beide Extreme. KI ersetzt derzeit keine ganzen Berufszweige, aber sie verändert Arbeitsabläufe grundlegend. Einzelne Unternehmen nutzen KI als Rechtfertigung für Entlassungen, die auch ohne sie gekommen wären. Gleichzeitig entstehen neue Tätigkeitsfelder, die es vor drei Jahren noch nicht gab.

Zudem zeigte die MIT-Studie über den KI-Arbeitsmarkt, dass junge Akademiker am meisten von den neuen KI-Jobs profitieren, während ältere Arbeitnehmer und gering Qualifizierte zurückbleiben. Die Commerzbank streicht 3.000 Stellen, Anthropic-Mitgründer Christopher Olah warnte im Vatikan vor Arbeitsverdrängung. Die Geschichte ist also nicht schwarz-weiß, sondern vielschichtig.

Fest steht: Wer heute eine Job-Apokalypse prophezeit, lügt sich selbst an. Wer aber behauptet, KI werde keine Arbeitsplätze verändern, ignoriert die Realität von 115.000 Tech-Entlassungen in diesem Jahr allein. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, und sie hängt stark davon ab, in welcher Branche und auf welchem Qualifikationsniveau man arbeitet.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.