KI-Agenten-Smartphones: Chinas Hersteller bauen das Handy komplett neu

von Marcel Buchholz 19. Juli 2026 3 Min. Lesezeit News

Auf der World AI Conference in Shanghai präsentierte ZTE ein Gerät, das herkömmliche Bedienkonzepte auf den Kopf stellt. Das Nubia NaviX Ultra kommt ohne traditionellen Homescreen oder App-Raster aus. Stattdessen steuert ein KI-Agent namens Doubao das gesamte Gerät. Die ersten 30.000 Stück waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Gebrauchte Geräte wechseln für doppelt den Ursprungspreis den Besitzer.

Das Konzept hinter dem NaviX Ultra

Anders als aktuelle Smartphones, die KI-Funktionen lediglich auf ein bestehendes Betriebssystem stapeln, setzt das NaviX Ultra auf einen grundlegend anderen Ansatz. ByteDances Doubao-Agent ist tief in das Betriebssystem integriert. Nutzer starten Aufgaben per Sprachbefehl oder über einen orange markierten Seitenknopf. Der Agent plant Buchungen, bearbeitet Fotos oder organisiert Reisen, indem er selbstständig mehrere Apps durchläuft. Nubia-Chef Ni Fei formuliert es deutlich: Die bisherigen KI-Handys würden Funktionen lediglich auf ein bestehendes System stapeln, was die Bedienung sogar umständlicher mache.

Alle wichtigen KI-Prozesse laufen direkt auf dem Gerät statt in der Cloud. Nubia verspricht dadurch besseren Datenschutz und geringere Latenz. Das Gerät verfügt über eine offizielle Registrierung als generative-KI-Anwendung nach chinesischen Vorschriften.

StepFun und Honor ziehen nach

ZTE ist nicht allein mit dieser Vision. Auf derselben Konferenz stellte StepFun ein Gerät vor, das ein eigenes Betriebssystem mit dem integrierten Agenten Amoo nutzt. Honor, die früher zu Huawei gehörende Smartphone-Marke, präsentierte einen KI-Agenten, der gemeinsam mit Alibaba entwickelt wurde und noch dieses Jahr auf neuen Geräten ausgeliefert werden soll.

Alle drei Hersteller verfolgen dieselbe Idee: KI-Agenten werden zur zentralen Schnittstelle zwischen Nutzer und Gerät. Statt einzelne Apps manuell zu öffnen und zu steuern, übernimmt der Agent die orchestrierende Rolle. Das bedeutet einen Paradigmenwechsel, der die App-basierte Smartphone-Nutzung, wie sie seit 2008 existiert, infrage stellt.

Smartphone-Krise treibt den Wandel

Der Hintergrund ist allerdings auch wirtschaftlich. Chinas Smartphone-Auslieferungen sind fünf Quartale in Folge gesunken. Steigende Speicherkosten und schwache Konsumentennachfrage setzen den Herstellern zu. IDC prognostiziert für 2026 den stärksten weltweiten Smartphone-Rückgang der Geschichte. Gerade chinesische Hersteller, die oft Geräte mit geringen Margen verkaufen, spüren den Druck besonders stark.

KI-Agenten-Smartphones sind daher nicht nur ein technologischer Vorstoß, sondern auch ein Rettungsversuch. IDC-Analyst Arthur Guo schätzt, dass mehr als die Hälfte des chinesischen Smartphone-Markts 2026 aus KI-Geräten bestehen könnte. Die Frage bleibt jedoch, ob ein Agent, der Flüge bucht und Fotos bearbeitet, genug Anreiz schafft, dass Nutzer ihr aktuelles Gerät ersetzen.

Apple unter Druck

Die Entwicklungen verschärfen den Wettbewerb mit Apple. Peking hat kürzlich grünes Licht gegeben, dass Apple Intelligence in China über Partnerschaften mit Alibaba und Baidu eingeführt werden darf. Ni Fei schrieb im Juni auf Weibo: In Sachen KI-Smartphones seien chinesische Hersteller Apple voraus. Apple konnte seit Ende 2025 in China wieder Boden gutmachen, sodass die KI-Offensive der heimischen Hersteller gleichzeitig defensiv und offensiv ist.

Die strategische Bedeutung reicht über den Geräteverkauf hinaus. Wer die Agenten-Schnittstelle auf dem Smartphone kontrolliert, bestimmt auch, welche Dienste und Plattformen priorisiert werden. ByteDances Doubao, Alibabas Qwen und StepFuns proprietäres System konkurrieren damit um die zentrale Rolle im digitalen Leben hundert Millionen chinesischer Nutzer.

Was bedeutet das für den Rest der Welt?

Auch wenn die NaviX Ultra vorerst auf den chinesischen Markt beschränkt bleibt, signalisiert die Entwicklung eine Richtung. Die Frage ist nicht mehr, ob KI-Agenten das Smartphone verändern, sondern wie schnell. Westliche Hersteller wie Samsung und Google integrieren KI zunehmend in ihre Geräte, jedoch meist als Ergänzung bestehender Bedienkonzepte. Der radikale Ansatz, Apps durch Agenten zu ersetzen, könnte sich durchsetzen, wenn die Nutzerakzeptanz in China den Weg weist.

Allerdings bleiben offene Fragen: Wie zuverlässig arbeiten autonome Agenten bei komplexen Aufgaben? Was passiert, wenn der Agent Fehler macht oder Missbrauch betreibt? Und wie verhalten sich Datenschutzerwartungen europäischer Nutzer zu Geräten, die einen KI-Agenten tief im Betriebssystem verankern?

Die Antwort auf diese Fragen wird darüber entscheiden, ob das KI-Agenten-Smartphone eine Übergangslösung oder die neue Normalität wird. Der Verkaufserfolg des NaviX Ultra zeigt zumindest: Die Nachfrage ist da.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.