Europas Ambitionen, bei der Künstlichen Intelligenz mit den USA und China gleichzuziehen, stehen auf wackeligen Fundamenten. Denn die Strompreise auf dem Kontinent sind derart hoch, dass sie den Aufbau der nötigen Rechenzentren massiv bremsen. Experten warnen: Ohne grundlegende Reformen der Energieversorgung könnte Europas KI-Offensive scheitern.
Europa zahlt doppelt so viel für Strom wie die USA
Die Internationale Energieagentur (IEA) bestätigt, was Beobachter schon länger befürchten: Energieintensive Branchen in Europa zahlten im vergangenen Jahr im Durchschnitt doppelt so viel für Strom wie in den USA. Zudem lagen die Preise um 50 Prozent über denen in China und Indien. Für Betreiber von Rechenzentren ist das ein entscheidender Nachteil. Michael Brown, globaler Investmentstratege bei Franklin Templeton, bringt es auf den Punkt: Wer heute sieben Milliarden Dollar in ein Datenzentrum investiere, der setze es in den USA oder China um, nicht in Europa.
Rechenzentren verbrauchen bereits zwei Prozent des Weltstroms
Ein neuer Bericht der International Data Center Authority (IDCA) zeigt, dass Rechenzentren mittlerweile zwei Prozent des weltweiten Stroms verbrauchen. Im Jahr 2024 waren es noch 1,7 Prozent. Der Trend beschleunigt sich, weil KI-Modelle zunehmend mehr Rechenleistung fordern. Allein das Training von GPT-4 habe rund 46 Gigawattstunden verschlungen, wie eine Studie des Thinktanks Interface belegt. Das entspricht einer konstanten Last von 20 Megawatt über drei Monate und würde ausreichen, um die gesamte Region Brüssel-Hauptstadt mehr als vier Tage zu versorgen.
Frankfurt am Limit: Netzanschlüsse nicht mehr verfügbar
Deutschland ist mit rund 490 Rechenzentren das europäische Land mit der höchsten Dichte. Allein im Raum Frankfurt stehen 126 Rechenzentren, weitere zwölf sind bereits genehmigt. Doch die Infrastruktur stößt an ihre Grenzen: Netzanschlüsse sind in den kommenden Jahren nicht mehr zu bekommen, und auch freie Flächen sind vergriffen. Recherche von AlgorithmWatch zeigt, wie der KI-Boom die Region an den Rand der Überlastung treibt. Zudem haben Rechenzentren und IT-Installationen 2024 bereits vier Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs ausgemacht. Bis 2037 könnte dieser Anteil auf zehn Prozent steigen.
Politik versus Realität: Die EU-Pläne
Die EU-Kommission hat ambitionierte Pläne: Sie will 13 KI-Fabriken mit Hochleistungsrechnern ausstatten und mindestens fünf KI-Gigafabriken mit je 100.000 modernen KI-Chips aufbauen. Die Kapazität soll in fünf bis sieben Jahren verdreifacht werden. Doch Olivier Darmouni, Professor an der HEC Paris, warnt: Die KI sei ein Weckruf, die Energieversorgung als Frage der wirtschaftlichen Souveränität zu begreifen. Bezahlbarkeit, Inflation und technologische Führerschaft ließen sich nicht ohne ein funktionierendes Energiesystem erreichen.
Stromnetze sind nicht für KI-Lasten gebaut
Das fundamentale Problem liegt tiefer: Europas Stromnetze entstanden in einer Zeit, in der niemand an KI dachte. Klassische Serverfarmen arbeiteten mit moderaten, flexiblen Lasten. KI-Cluster hingegen bündeln Spezialchips, die tagelang oder wochenlang nahezu unter Volllast laufen. Der Interface-Bericht beschreibt sie als stromintensive Industrieanlagen an ohnehin begrenzten Netzen. Die verfügbare Anschlussleistung, die Dauer bis zum Netzanschluss und lokale Engpässe sind bereits zu festen Grenzen geworden. Sie verzögern oder verhindern Investitionen, selbst wenn Interesse besteht.
Singapur und Großbritannien vor dem Kipppunkt
Der IDCA-Bericht identifiziert einen kritischen Schwellwert: Sobald Rechenzentren mehr als fünf Prozent des nationalen Stromverbrauchs überschreiten, intensiviert sich der gesellschaftliche und politische Widerstand. Die USA liegen bereits bei sechs Prozent, Großbritannien bei 5,8 Prozent. Singapur erreicht sogar 19,5 Prozent. Vladimir Prodanovic von Nvidia formuliert es drastisch: Der mittlere Teil Europas habe das Spiel bereits verloren. Datenzentrum-Projekte würden in Regionen mit niedrigeren Stromkosten wandern und Gewinner und Verlierer auf dem Kontinent schaffen.
Mehr dazu: KI-Nutzung und Stellenabbau in Deutschland stehen in direktem Zusammenhang mit dieser Entwicklung. Auch die zunehmende KI-Nutzung in Unternehmen erhöht den Druck auf die Energieinfrastruktur.
Was Europa jetzt tun muss
Die Experten sind sich einig, dass Europa nicht einfach mehr Rechenzentren bauen kann, ohne die Energieinfrastruktur grundlegend zu reformieren. Die IEA erwartet, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppelt. Darmouni fordert, die KI-Frage als Energie- und Souveränitätsfrage zu behandeln. Andernfalls drohen nicht nur Fehlinvestitionen, sondern auch der Verlust technologischer Wettbewerbsfähigkeit. Die Frage ist nicht mehr, ob Europa bei der KI zurückfällt, sondern wie schnell.
Die Zeichen stehen schlecht für den Kontinent. Solange die Strompreise nicht wettbewerbsfähig sind und die Netze nicht ausgebaut werden, bleiben Europas KI-Ambitionen leere Versprechen. Der Wettlauf um die Zukunft der Künstlichen Intelligenz wird nicht nur mit Chips und Algorithmen entschieden, sondern auch mit Megawattstunden und Kilometern Kupferkabel.