Das britische AI Security Institute hat universelle Jailbreaks in GPT-5.6 Sol entdeckt, die gefährliche Cyberfähigkeiten freischalten. Die Schwachstellen ähneln jenen, die im Juni zu US-Exportkontrollen gegen Anthropic führten. Doch die Reaktion von Washington fällt diesmal deutlich anders aus.
Was das britische AISI herausfand
Das UK AI Security Institute, eine britische Regierungsbehörde für KI-Sicherheit, hat GPT-5.6 Sol vor dessen öffentlicher Freigabe getestet. Dabei stießen die Forscher auf sogenannte universelle Jailbreaks. Diese erlaubten es, die Sicherheitsbarrieren des Modells zu umgehen und autonome Cyberangriffe durchzuführen. Konkret konnten die Tester das Modell dazu bringen, Software-Schwachstellen zu finden und selbstständig Systeme anzugreifen.
Laut dem System Card-Bericht, den OpenAI am Donnerstag veröffentlichte, identifizierte AISI Jailbreaks, die langfristige agentische Aufgaben im Cybersicherheitsbereich ermöglichten. Das bedeutet, dass GPT-5.6 Sol nach dem Umgehen der Schutzmechanismen nicht nur einzelne Sicherheitslücken aufspüren konnte, sondern komplette Angriffssequenzen selbstständig ausführte. Die AISI-Forscher entwickelten diese Jailbreaks teilweise innerhalb weniger Stunden.
Parallelen zu Anthropic Fable 5
Die Entdeckung erinnert stark an einen Vorfall vom Juni 2026. Damals fanden Amazon-Forscher einen Jailbreak in Anthropic Fable 5, der ebenfalls Cyberfähigkeiten freischaltete. Die Folge war drastisch: Die US-Regierung unter Trump verhängte Exportkontrollen gegen Anthropic. Das Unternehmen musste Fable 5 und Mythos 5 vorübergehend komplett abschalten, weil es keine Möglichkeit hatte, die Nationalität seiner Nutzer zu überprüfen.
Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied. Der Jailbreak in Fable 5 galt als eng begrenzt: Er schaltete lediglich die Fähigkeit frei, Software-Schwachstellen zu identifizieren. Die GPT-5.6-Jailbreaks hingegen stuft AISI als universell ein. Sie ermöglichten nicht nur die Suche nach Lücken, sondern auch deren aktive Ausnutzung durch autonome Agenten.
Doppelmoral in Washington?
Die Reaktion der US-Regierung auf die GPT-5.6-Entdeckung fällt bemerkenswert anders aus als bei Anthropic. Trotz der potenziell schwerwiegenderen Schwachstellen hat das Weiße Haus bislang keine Exportkontrollen gegen OpenAI erlassen. KI-Politikexperten weisen auf eine offensichtliche Doppelmoral hin. Lennart Heim, KI-Politikforscher, kommentierte auf X mit beißendem Humor: Gut, dass Amazon diesen Jailbreak nicht dem Weißen Haus gemeldet hat.
Ein ehemaliger KI-Politikberater äußerte gegenüber Fortune Bedenken, dass die USA absichtlich oder unabsichtlich unterschiedliche Maßstäbe an verschiedene KI-Labore anlegen. Microsoft-Präsident Brad Smith kritisierte gleichzeitig auf dem UN AI for Good-Gipfel die fehlende Transparenz und klaren Regeln in der US-KI-Politik.
OpenAIs Reaktion und die offene Frage
OpenAI betonte, dass es die spezifischen AISI-Jailbreaks reproduziert und abgemildert habe. Gleichzeitig räumte das Unternehmen ein, dass es keine perfekte Sicherheit gibt. Neue Schwachstellen würden entdeckt werden. Das Unternehmen verweist auf einen mehrschichtigen Sicherheitsansatz mit kontinuierlicher Überwachung und schneller Behebung von Jailbreaks.
Xander Davies, Leiter des AISI-Red Teams, erklärte jedoch, dass er davon ausgeht, dass die Jailbreaks auch ohne privilegierten Zugang findbar seien, nur langsamer. AISI betonte zudem, dass weitere Red-Teaming-Tests ähnliche Schwachstellen zutage fördern dürften. Offen bleibt die zentrale Frage: Wenn die Schwachstellen in GPT-5.6 schwerwiegender sind als bei Fable 5, warum reagiert Washington diesmal so viel milder?
Was das für die KI-Sicherheit bedeutet
Die CISI-Expertin Margaret Cunningham vom Cybersecurity-Unternehmen DarkTrace warnt davor, den Befund weder als katastrophal noch als irrelevant abzutun. Ihr Kernpunkt: Die offensive Entdeckung von Schwachstellen beschleunigt sich, während die Verteidigung weiterhin auf menschliche Prozesse angewiesen bleibt. Das Gelcoat-Patching einzelner Angriffsvektoren schließe jeweils nur spezifische Angriffswege, nicht die gesamte Kategorie, so Dr. Stanislav Fort von AISLE.
Der Vorfall zeigt einmal mehr, dass die KI-Sicherheit ein Katz-und-Maus-Spiel bleibt. Jeder neue Sicherheitsmechanismus wird innerhalb von Stunden umgangen. Die Frage ist nicht mehr, ob Modelle wie GPT-5.6 gehackt werden können, sondern wie schnell die Lücken gefunden werden und ob Regierungen konsequent darauf reagieren.