Gemini 3.5 Pro: Googles letzte Chance, die KI-Führung zu übernehmen

von Marcel Buchholz 13. Juli 2026 3 Min. Lesezeit KI & Wirtschaft

Nachdem Google seine eigene Deadline verpasst hat, steht Gemini 3.5 Pro jetzt vor dem Start. Am 17. Juli 2026 soll das Flaggschiff-Modell endlich allgemein verfügbar werden. Doch der Weg dorthin war alles andere als glatt.

Was Gemini 3.5 Pro verspricht

Google DeepMind hat auf der I/O-Konferenz am 19. Mai 2026 zwei Kernfunktionen für das neue Modell bestätigt: ein Kontextfenster von 2 Millionen Tokens und einen erweiterten Denkmodus namens Deep Think. Das Kontextfenster ist doppelt so groß wie das von Gemini 3.5 Flash und derzeit das größte aller Produktionsmodelle. Zum Vergleich: GPT-5 bietet 128.000 Tokens, Claude Opus 4 kommt auf 200.000 Tokens. Gemini 3.5 Pro schlägt beide um ein Vielfaches.

Zudem soll Deep Think ähnlich funktionieren wie OpenAIs Reasoning-Modelle oder Claudes Extended Thinking. Das Modell denkt zunächst auf einem versteckten Scratchpad, bevor es eine Antwort liefert. Allerdings bleibt diese Funktion Abonnenten des Ultra-Tarifs für 199,99 Dollar pro Monat vorbehalten. Google positioniert Gemini 3.5 Pro damit als Premium-Angebot mit Premium-Preis.

Warum der Start verschoben wurde

Ursprünglich sollte Gemini 3.5 Pro bereits im Juni erscheinen. Sundar Pichai hatte auf der Bühne gesagt: „Geben Sie uns bis nächsten Monat.“ Das Publikum reagierte mit einem hörbaren Seufzer. Der Juni verging ohne Release. Berichten zufolge entschied sich Google DeepMind dafür, die Basis-Architektur komplett neu zu trainieren, anstatt das Vorgängermodell lediglich zu optimieren. Dieser Neuaufbau kostete Zeit, sollte aber zu einem spürbaren Leistungssprung führen.

Berichten zufolge hatten frühe Tester festgestellt, dass das Modell bei mehrstufiger mathematischer Argumentation und bei der Generierung von Vektorgrafiken hinter der Konkurrenz zurückblieb. Insbesondere Claude Fable 5 und GPT-5.6 Sol zeigten in Coding- und Reasoning-Benchmarks klarere Ergebnisse. Google hat diese Schwächen offenbar ernst genommen und den gesamten Ansatz überarbeitet.

Die Konkurrenzsituation ist brutal

Dabei kommt Gemini 3.5 Pro in einen Markt, der sich rasant verdreht. OpenAI hat GPT-5.6 Sol veröffentlicht, das mit 91,9 Prozent auf dem Terminal-Bench den aktuellen Spitzenplatz hält. Anthropic hat Fable 5 freigegeben, das bei Agenten-Aufgaben dominiert. Sogar xAI hat Grok 4.5 auf den Markt gebracht, das mit einem Viertel der Token-Kosten von Opus 4.8 punktet.

Polymarket gibt Google derzeit nur eine 3,2-prozentige Wahrscheinlichkeit, das beste KI-Modell auf dem Markt zu stellen. Anthropic liegt bei 94,8 Prozent. Das ist weniger eine Aussage über die Modellqualität als über Googles Ruf, tolle Forschung zu machen, aber bei der Ausführung zu stolpern.

Talentverlust zur Unzeit

Zudem verlor Google DeepMind im Juni zwei Schlüsselforscher. Noam Shazeer, Mitentwickler der Transformer-Architektur, wechselte zu OpenAI. Ein weiterer Senior Lead ging zu Anthropic. Solche Abgänge sind keine Routine, sondern ein Signal. Sie zeigen, wo die besten Forscherinnen und Forscher die spannendste Arbeit vermuten. Dass diese Wechsel ausgerechnet im Monat der geplanten Veröffentlichung stattfinden, erhöht den Druck auf das Team zusätzlich.

Was die Preise bedeuten

Offizielle API-Preise hat Google noch nicht veröffentlicht. Branchenschätzungen gehen von etwa 15 Dollar pro Million Input-Token und 60 Dollar pro Million Output-Token aus. Damit wäre Gemini 3.5 Pro rund zehnmal so teuer wie Gemini 3.5 Flash, das für 1,50 und 9,00 Dollar angeboten wird. Für Unternehmen, die große Dokumentensammlungen oder komplette Codebases verarbeiten wollen, muss der 2-Millionen-Token-Vorteil diesen Aufpreis wert sein.

Im Abo-Bereich hat Google die Ultra-Struktur neu aufgestellt. Der Einstiegstarif liegt bei 99,99 Dollar pro Monat. Der höhere Tarif für 199,99 Dollar monatlich umfasst Deep Think und Gemini Spark. Der vorherige Ultra-Tarif für 249,99 Dollar wurde abgeschafft.

Was jetzt wichtig ist

Für Entwicklerinnen und Entwickler gibt es drei Dinge zu tun. Erstens: Die Benchmarks abwarten, besonders SWE-bench Pro und agentic Tool-Use. Zweitens: API-Preise und Modellkarte prüfen, bevor man Migrationspläne macht. Drittens: Bedenken, dass Deep Think nur im teuersten Tarif verfügbar ist. Für Gelegenheitsnutzer bleibt Gemini 3.5 Flash die bessere Wahl, weil es schneller und günstiger ist und bereits verfügbar war.

Googles Verteilungsvorteil bleibt unbestritten. Gemini ist in Search, Workspace, Android und über eine Partnerschaft auch in Apples Siri integriert. Selbst ein spätes Modell kann durch diese Reichweite erheblichen Einfluss gewinnen. Die Frage ist nur, ob Qualität und Timing diesmal zusammenpassen.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.