Frankreich wirft Palantir raus: Geheimdienst setzt auf KI-Souveränität

von Marcel Buchholz 17. Juni 2026 3 Min. Lesezeit KI-Ethik

Frankreichs Inlandsgeheimdienst DGSI beendet die Zusammenarbeit mit dem US-Unternehmen Palantir und wechselt zur französischen Firma ChapsVision. Premierminister Sébastien Lecornu begründete den Schritt mit dem Ziel einer echten technologischen Unabhängigkeit. Der Wechsel markiert einen Wendepunkt im europäischen Ringen um KI-Souveränität.

Zehn Jahre Palantir: Ein Vertrag wird aufgekündigt

Die DGSI nutzt Palantirs Datenanalyse-Plattform Gotham seit den Terroranschlägen von Paris im November 2015. Damals brauchte der französische Geheimdienst dringend eine Lösung, um riesige Datenmengen auszuwerten. Palantir galt als einziges Produkt, das den operativen Anforderungen entsprach. Deshalb wurde der Vertrag 2016 geschlossen und 2019 sowie 2022 verlängert. Im Dezember 2025 folgte eine erneute dreijährige Vertragsverlängerung. Doch nur sechs Monate später kippt Frankreich diesen Vertrag. Lecornu erklärte: Wir können keine neuen strategischen Abhängigkeiten im digitalen Bereich hinnehmen. Frankreich brauche echte Autonomie, um nicht vom Wohlwollen bestimmter Partner abhängig zu sein, die den Zugang zu KI jederzeit abdrehen könnten. Die Aussage ist klar: Wer auf amerikanische Technik setzt, bleibt verwundbar.

ChapsVision ArgonOS: Die französische Alternative

An Palantirs Stelle tritt ChapsVision mit seiner KI-gestützten Plattform ArgonOS. Das Unternehmen des Unternehmers Olivier Dellenbach positioniert sich seit Jahren als europäischer Anbieter für Datenintelligenz. Schon 2022 startete die DGSI einen Beschaffungsprozess für eine alternative Datenverarbeitungsplattform. Neben ChapsVision bewarben sich auch das Thales-Eviden-Joint-Venture Athea und andere. Jedoch erreichte bis Ende 2025 kein einheimischer Anbieter das operationale Reifestadium. Deshalb behielt Palantir den Vertrag. Jetzt entscheidet die Regierung, dass ChapsVision gut genug ist, um den Wechsel zu wagen. Gleichzeitig kündigte Lecornu an, dass Frankreich 655 Millionen Euro in KI investieren wird. Zudem erhält die französische Verwaltung einen KI-Assistenten, der von Mistral betrieben wird. Mistral-Chef Arthur Mensch argumentiert seit zwei Jahren, dass Europa seine eigene KI-Infrastruktur besitzen und betreiben muss, anstatt sie zu mieten.

Europaweite Abkehr von Palantir

Frankreich ist nicht allein mit diesem Schritt. Deutschlands Inlandsgeheimdienst BfV entschied sich kürzlich ebenfalls für ChapsVision statt Palantir. Die Bundeswehr drängt auf eine sichere Cloud-Lösung ohne strukturellen Zugriff ausländischer Firmen. In Großbritannien wird der 330-Millionen-Pfund-Vertrag zwischen dem NHS und Palantir politisch überprüft. Londons Bürgermeister Sadiq Khan blockierte einen 50-Millionen-Pfund-Vertrag zwischen Polizei und Palantir. Das Muster ist deutlich: Europäische Regierungen überdenken, wie viel ihrer sensibelsten Infrastruktur auf amerikanischer Software laufen soll. Die Unberechenbarkeit der US-Politik unter Trump beschleunigt diese Entwicklung. Erst vergangene Woche ordnete Washington an, dass Anthropic ausländischen Nutzern den Zugriff auf die Modelle Fable 5 und Mythos 5 verweigert. Mehrere französische Präsidentschaftskandidaten warnten daraufhin vor einem KI-Krieg.

Was der Wechsel für Europas KI-Zukunft bedeutet

Der DGSI-Wechsel zeigt, dass technologische Souveränität kein abstraktes Konzept mehr ist. Frankreich setzt auf konkrete Schritte: ChapsVision für die Geheimdienst-Datenanalyse, Mistral für die Verwaltungs-KI und 655 Millionen Euro Investitionen. Allerdings bleibt die Frage des Zeitplans offen. Eine Geheimdienst-Migration von einer Analyseplattform auf eine andere ist kein Schalter, den man umlegt. Palantir erklärte kurz nach der Ankündigung, dass der bestehende Vertrag voll und ganz in Kraft bleibt. Weder der Zeitplan für den Übergang noch der Wert des ChapsVision-Vertrags wurden veröffentlicht. Zudem hat Frankreich bereits im Dezember 2025 verlängert. Wie dieser Widerspruch aufgelöst wird, ist unklar. Dennoch sendet die Entscheidung ein starkes Signal. Europa baut eine eigene KI-Infrastruktur auf und beginnt, amerikanische Anbieter aus den sensibelsten Bereichen zu verdrängen. Mit der EU-KI-Kennzeichnungspflicht ab August und der gescheiterten US-Exportkontrolle für Anthropic-Modelle zeichnet sich ein Bild ab: Europa definiert seine eigenen Regeln für KI und setzt diese zunehmend durch.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.