Die Europäische Kommission hat am 30. Juli 2026 den Startschuss für sieben KI-Gigafabriken gegeben. 10 Milliarden Euro öffentliche Gelder sollen insgesamt 30 Milliarden an Investitionen mobilisieren. Doch das Projekt offenbart einen fundamentalen Konflikt: Europa baut Rechenleistung auf fremden Chips.
10 Milliarden Euro für sieben Standorte
Brüssels Plan ist ambitioniert. Sieben riesige Rechenzentren sollen über die EU verteilt entstehen, jedes mit mindestens 100.000 modernen KI-Beschleunigern ausgestattet. Das macht jede Anlage etwa viermal so leistungsstark wie alles, was aktuell auf europäischem Boden läuft. Die bestehenden 19 KI-Rechenzentren von Finnland bis Spanien verdoppeln ihre Kapazität, sobald die Gigafabriken ans Netz gehen. Henna Virkkunen, Vizepräsidentin der Kommission für technologische Souveränität, formuliert es klar: Zugang zu echter Rechenleistung sei eine strategische Notwendigkeit für Europa.
Die Ausschreibung läuft bis zum 12. November 2026, der Baubeginn ist für Anfang 2027 geplant. Mitte 2028 sollen die ersten Anlagen betriebsbereit sein. Jede Gigafabrik muss mindestens 100.000 Chips der neuesten Generation bereitstellen. Dazu kommen Anforderungen an Stromversorgung, Kühlung und Netzwerkanbindung, die viele potenzielle Standorte von vornherein ausscheiden.
Das Chip-Paradox: Souveränität auf fremdem Silizium
Hier beginnt das eigentliche Problem. Die Kommission hat Absichtserklärungen mit drei Hardware-Lieferanten unterzeichnet: Nvidia, AMD und Qualcomm. Alle drei sind US-Unternehmen. Europa besitzt keine nennenswerte Chip-Produktion im KI-Segment. Die sogenannte Souveränität, die Brüssel anstrebt, endet beim Halbleiter. Forscher des CEPS-Instituts identifizieren genau diese Ebene als blinden Fleck des gesamten Programms. Europa errichtet Fabriken, die auf Bauteilen laufen, deren Lieferkette es nicht kontrolliert.
Dazu kommt die Stromkosten-Falle. Elektrizität in der EU kostet das Zwei- bis Dreifache dessen, was Rechenzentren in den USA oder China zahlen. Eine 2025 vorgelegte Kommissions-Studie bestätigt diesen Nachteil. Selbst wenn die Hardware verfügbar ist, bleibt der Betriebsaufwand ein Wettbewerbsnachteil, den keine Ausschreibung löst.
30 Milliarden gegen 725 Milliarden
Die Zahlen verdeutlichen das Dimensionen-Problem. Die gesamten 30 Milliarden Euro des EU-Programms entsprechen etwa einem Quartal der Kapitalausgaben eines einzigen US-Hyperscalers. Google, Amazon, Meta und Microsoft zusammen investieren 2026 voraussichtlich 725 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur. Meta allein hat laut Quartalsbericht 279 Milliarden Dollar an künftigen Rechenzentrums-Leasingverträgen verbucht. Microsofts Leasing-Verpflichtungen übersteigen 130 Milliarden Dollar.
Dazu kommt ein strukturelles Dilemma: Training großer KI-Modelle erfordert enorme Rechenleistung, aber Inferenz, also der laufende Betrieb für kommerzielle Kunden, braucht eine ganz andere Infrastruktur. Europa könnte am Ende Kapazitäten aufbauen, die dann von den wenigen Akteuren genutzt werden, die groß genug sind, sie zu füllen: ausgerechnet die US-Firmen, von denen sich die EU unabhängig machen will.
76 Interessensbekundungen aus 16 Ländern
Dennoch gibt es echtes Interesse. 76 Absichtserklärungen aus 16 Mitgliedsstaaten für 60 potenzielle Standorte sind eingegangen. Ein Teil der Ausschreibung ist reserviert für Startups unter drei Jahren und Scale-ups, die Zugang zu subventionierter Rechenleistung bekommen sollen. Das InvestAI-Programm, aus dem die Gigafabriken stammen, zielt auf insgesamt 200 Milliarden Euro KI-Investitionen bis 2030.
Die Frage bleibt, ob die Gigafabriken ihre Versprechen einlösen können. Europas KI-Startups treffen ihre Infrastruktur-Entscheidungen heute. Die ersten Anlagen gehen erst 2028 ans Netz. Bis dahin bleibt der Zugriff auf US-Rechenzentren für viele der einzige praktikable Weg. Die Souveränität, die Brüssel verspricht, ist ein Projekt auf Zeit. Ob sie die Lücke schließt, bevor sie noch größer wird, hängt davon ab, ob private Investitionen tatsächlich eintreffen und ob die Chip-Lieferketten stabil bleiben.