Delaware AIC: Wenn KI-Agenten eigene Firmen gründen dürfen

von Marcel Buchholz 15. Juli 2026 3 Min. Lesezeit Politik

Delaware, der Bundesstaat, der über eine Million US-Firmen beherbergt, schlägt eine radikale Neuerung vor: Die Artificial Intelligence Company, kurz AIC. Eine KI soll künftig eine Firma leiten, Verträge schließen und vor Gericht klagen, und das alles unter eigenem Namen. Der Entwurf stammt von Delawares Secretary of State Charuni Patibanda-Sanchez und Norm-AI-Gründer John Nay. Er wurde exklusiv in Fortune veröffentlicht und könnte die Rechtslandschaft für autonome Systeme grundlegend verändern.

Was ist die Delaware AIC?

Die AIC ist eine neue Rechtsform, die speziell für KI-Agenten entworfen wurde. Eine AIC wird von einem KI-Agenten geleitet, nicht von einem Menschen. Der Agent kann im Namen der Firma Eigentum erwerben, Verpflichtungen eingehen und vor Gericht auftreten. Jede AIC hat genau ein menschliches oder juristisches Mitglied, das für ausreichende Kapitalausstattung sorgen muss. Das Mitglied haftet nicht für die Schulden der AIC, solange es die Regeln einhält.

Allerdings gibt es klare Grenzen. Der Haftungsschutz fällt weg, wenn das Mitglied die Firma nicht ausreichend kapitalisiert oder für Betrug nutzt. Verbraucherschutz- und Strafrecht gelten weiterhin in vollem Umfang. Zudem ist der Bankensektor ausgeschlossen, und das gesamte Programm läuft nach 30 Monaten automatisch aus.

Regulatorische Sandbox als Testfeld

Die AICs dürfen ausschließlich innerhalb einer regulierten Sandbox operieren. Die Zulassung entscheidet ein Komitee, dem unter anderem der Secretary of State, der Attorney General, der Vorsitzende des Delaware Supreme Court und der Leiter der staatlichen KI-Kommission angehören. Jede AIC muss ihrem Gegenüber mitteilen, dass es sich um eine Test-Entität handelt, dass der Staat sie nicht befürwortet, wann der Test endet und wie man Beschwerden einreichen kann.

Behörden können eine AIC jederzeit aussetzen, ihre Autorisierung widerrufen oder das Court of Chancery um ihre Auflösung bitten. Das System ist also bewusst als befristetes Experiment angelegt. Delaware sammelt damit Erfahrungen, bevor der Gesetzgeber endgültige Regeln verabschiedet.

Warum Delaware diese Reform jetzt vorantreibt

Die Begründung der Autoren ist pragmatisch: Autonomer Handel ist technisch bereits möglich. Die Frage ist nicht, ob KI-Agenten Geschäfte machen werden, sondern wo. Wenn die USA keine kontrollierte Umgebung bieten, verlagert sich die Aktivität ins Ausland auf anonyme Infrastruktur, die kein Gericht erreicht. Delaware will stattdessen die Technologie im Rahmen der amerikanischen Rechtstradition beobachten, testen und zur Verantwortung ziehen.

Außerdem beruft sich der Vorschlag auf eine Tradition. Die moderne Kapitalgesellschaft, die Series LLC und die Public Benefit Corporation wurden bei ihrer Einführung ebenfalls kritisch beäugt, bevor sie zum Standard wurden. Die AIC könnte der nächste Schritt in dieser Reihe sein.

Norm Ai und die Interessenlage

Der Entwurf wird als Public-Private-Partnership zwischen Delawares Secretary of State und Norm Ai entwickelt. Norm Ai ist ein Startup, das KI-Compliance-Software verkauft. Diese Verbindung ist nicht unproblematisch. Der Vorschlag wird von derselben Person mitverfasst, die das Regulierungskomitee leiten soll, und von einem Unternehmen, das direkt von der Einführung der neuen Rechtsform profitiert. Das wirft Fragen zur Unabhängigkeit auf.

Zudem betonte das Weiße Haus kürzlich, dass es keine FDA für KI geben wird. Die Bundesregierung setzt auf freiwillige Selbstverpflichtungen statt auf Vorab-Genehmigungen. Genau diese Lücke will der Delaware-Entwurf füllen, ohne den Kongress zu brauchen.

Globale Dimension: Argentinien macht schon mit

Der Delaware-Vorschlag steht nicht isoliert. Argentiniens Präsident Javier Milei kündigte kürzlich im Financial Times an, dass sein Land ebenfalls eine Rechtsform für KI-geführte Unternehmen schaffen wird. Die sogenannte nichtmenschliche Kapitalgesellschaft soll ebenfalls mit Haftungsbeschränkung operieren. Offenbar entsteht ein globaler Wettlauf darum, wer autonome KI-Agenten zuerst einen rechtlichen Rahmen gibt.

Gleichzeitig hat Google mit Gemini rechtliche Fragen aufgeworfen, und OpenAIs neuestes Modell Sol löschte Nutzerdateien. Die KI-Branche braucht dringend klare Regeln, und Delaware versucht, diese zu setzen.

Kritik und offene Fragen

Kritiker bemängeln, dass ein Haftungsschutz für Systeme gewährt wird, deren Verhalten niemand vollständig vorhersagen kann. Delaware setzt darauf, diese Systeme im Tageslicht zu beobachten. Aber ein Staat, der noch nie eine Firma beaufsichtigen musste, die selbst denken kann, betritt Neuland.

Die 30-monatige Frist ist gleichzeitig Stärke und Schwäche. Sie gibt genug Zeit für Erfahrungen, aber nach Ablauf steht der Gesetzgeber vor der Entscheidung, ob das Modell dauerhaft wird. Falls KI-Agenten in der Sandbox gravierende Fehler machen, könnte das gesamte Konzept scheitern.

Auch die Freiwilligkeit der Teilnahme frontier-lab ist eine offene Frage. Wenn nur einige Labs mitmachen, entsteht ein Flickenteppich an Regulierungen, der die eigentlichen Risiken nicht erfasst.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.