Eine Bäuerin im ländlichen Indien fotografiert eine kranke Pflanze. Sie möchte online nach Lösungen suchen, aber sie spricht kein Englisch. Genau dieses Problem will eine Nonprofit-Organisation lösen, die gerade 400 Millionen Dollar eingesammelt hat. Current AI baut eine öffentliche KI-Infrastruktur, die jedem kostenlos zur Verfügung stehen soll, unabhängig von Sprache, Herkunft oder Einkommen.
Was ist Current AI?
Current AI ist eine Nonprofit-Organisation, die im Februar 2025 von Martin Tisné gegründet wurde. Tisné ist ein französischer Philanthropiestrateg, der sich seit Jahrzehnten dafür einsetzt, dass mächtige Technologien den Menschen dienen, die sie betreffen. Seit Januar 2026 leitet Ayah Bdeir die Organisation als CEO. Bdeir gründete zuvor littleBits, ein Bildungsunternehmen für elektronische Bausteine, das Millionen Kinder erreichte, bevor es 2019 an Sphero verkauft wurde. Davor arbeitete sie bei Mozilla an der KI-Strategie. Das Ziel von Current AI ist klar formuliert: eine öffentliche Alternative zu den KI-Systemen von OpenAI, Google und Anthropic aufzubauen. Bdeir sagt dazu: „Wenn KI wirklich eine transformative Technologie ist, die jeden Aspekt unseres Lebens verändern wird, dann muss es eine öffentliche Alternative geben. Wie das World Wide Web, verfügbar für jeden, kostenlos.”
400 Millionen Dollar und mächtige Unterstützer
Die französische Regierung hat Current AI mit 100 Millionen Euro Seed-Finanzierung ausgestattet. Dazu kommen die Ford Foundation, die MacArthur Foundation, DeepMind und Salesforce. Insgesamt sind 400 Millionen Dollar zugesagt. Das langfristige Ziel: 2,5 Milliarden Dollar über fünf Jahre mobilisieren. Allerdings betont Bdeir einen wichtigen Unterschied: „Sie sind keine Investoren, sondern Förderer.” Das Geld kommt nicht mit Gewinnversprechen, sondern mit dem Auftrag, öffentliche KI-Infrastruktur zu schaffen. UN-Generalsekretär António Guterres unterstützt die Initiative ausdrücklich. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron haben sich öffentlich hinter Current AI gestellt. Macron sagte beim India AI Summit: „Ich lade alle ein, dieser öffentlich-privaten Partnerschaft beizutreten. Frankreich wird 100 Millionen Euro beisteuern.”
Suno Sutra: KI in 22 indischen Sprachen offline
Das erste konkrete Projekt heißt Suno Sutra, was auf Hindi so viel bedeutet wie „Hör-Chroniken”. Gemeinsam mit Bhashini, der KI-Sprachabteilung der indischen Regierung, entwickelte Current AI ein taschengroßes Gerät, das KI in 22 indischen Sprachen offline ausführt. Kein Internet nötig, kein Englisch nötig. Bdeir erklärt: „In Indien gibt es Hunderte von Sprachen und Dialekten. Aktuell werden diese von KI nicht repräsentiert.” Suno Sutra ist quelloffen und steht Entwickler-Communitys zur Verfügung, um darauf aufzubauen.
Vier Projekte auf vier Kontinenten
Im vergangenen Monat vergab Current AI die erste Förderrounde von 3,2 Millionen Dollar an vier Organisationen in Kenia, Libanon und im brasilianischen Amazonasgebiet. In Masakhane, Kenia, baut ein Team KI-Datensätze in über 50 afrikanischen Sprachen für Gesundheit, Landwirtschaft und Bildung. Das Institut für Worldmaking im Libanon digitalisiert arabische Kulturgeschichte und zeitgenössische Praxis in maschinenlesbare Datenbanken, die Gemeinschaften kontrollieren, nicht Tech-Konzerne. In Brasilien entwickelt Portal sem Porteiras Offline-KI-Werkzeuge mit indigenen Amazonas-Communitys, wobei alle Daten im Territorium bleiben. Und Kenias African Internet Rights Alliance entwickelt Audit-Werkzeuge, um KI-Systeme auf dem ganzen Kontinent zur Verantwortung zu ziehen.
Alpha Chat: Open-Source-KI-Koalition in sieben Wochen
Anfang Juli 2026 startete Current AI auf dem AI for Good Summit in Genf den Alpha Chat, einen quelloffenen Chatbot. Zehn Organisationen, darunter Hugging Face, Mozilla und das MIT Media Lab, bauten ihn in nur sieben Wochen. Jeder Beitragende brachte ein Stück des Stacks mit: Sprachmodell, Sicherheitswerkzeuge, Rechenleistung. Zudem hat Current AI eine Partnerschaft mit Sakana AI geschlossen. Das Tokioter Startup, bekannt für seine Arbeit an sogenannter Souveränitäts-KI, plant gemeinsam mit Current AI einen quelloffenen KI-Stack. Dieser soll zunächst die japanische Sprache und Kultur unterstützen, aber auch Communitys im globalen Süden, die dominante KI-Systeme weitgehend ignorieren.
Warum eine öffentliche KI-Infrastruktur nötig ist
Die Argumentation von Current AI ist eindeutig: Jedes große KI-System heute gehört einem privaten Unternehmen. OpenAI, Google, Anthropic, Meta, sie alle kontrollieren ihre Modelle, ihre Daten und ihre Preisgestaltung. Bdeir kritisiert scharf: „Big Tech baut mehrsprachige Modelle, um ihren Markt zu erweitern, unabhängig von Zustimmung oder Kontext.” Für indigene Sprachen würden etwa Missionars-Bibelübersetzungen zu Trainingsdaten, bevor Communitys überhaupt Regeln aufstellen könnten. Die Hälfte der weltweit gesprochenen Sprachen ist vom Aussterben bedroht. Wenn Englisch die größten Sprachmodelle dominiert, bleiben viele Kulturen und Communitys außen vor. Current AI setzt auf einen anderen Ansatz: Modelle und Daten lokal speichern, Community-Experten einbinden, bevor etwas gebaut wird, und Zustimmungsprotokolle in die Pipeline schreiben, damit Gemeinschaften den Prozess jederzeit stoppen können.
Die Grenzen des Ansatzes
Kritiker fragen, wie viel man mit 3,2 Millionen Dollar erreichen kann, die auf vier Organisationen verteilt werden. Bdeir darauf: „Skalierung ist nicht immer das Maß. Das ist das Big-Tech-Paradigma.” Vielmehr könnte das Ergebnis so aussehen: „Ein indigener Ältester im brasilianischen Amazonas nutzt ein Werkzeug, das in Kenia gebaut wurde, um sein ökologisches Wissen in seiner eigenen Sprache weiterzugeben.” Dennoch bleibt die Frage, ob 400 Millionen Dollar ausreichen, um gegen die Milliardenbudgets von OpenAI, Google und Anthropic zu bestehen. DeepMind, einer der Förderer, gehört zu Google. Salesforce wiederum verkauft KI-Lösungen an Unternehmen. Die Spannung zwischen öffentlichem Anspruch und privaten Förderern ist strukturell vorhanden.
Was das für Europa bedeutet
Für die europäische KI-Landschaft ist Current AI ein wichtiges Signal. Frankreich hat nicht nur Geld gegeben, sondern auch politischen Rückenwind. Die EU-Kommission unterstützt die Initiative offen. Damit steht Current AI als eine mögliche Antwort auf die Frage, wie Europa KI-Souveränität umsetzen kann, ohne auf amerikanische oder chinesische Konzerne angewiesen zu sein. Allerdings bleibt offen, wie Current AI mit dem EU AI Act interagiert. Die Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte trifft auch Open-Source-Modelle. Die Transparenzanforderungen des EU AI Act könnten für kleine Nonprofit-Projekte eine Belastung darstellen, die gewinnorientierte Unternehmen leichter tragen können.