Warum klassische RPA jetzt ein Auslaufmodell ist
Unternehmen, die auf herkömmliche Robotic Process Automation setzen, kennen das Problem nur zu gut. Ein ERP-Anbieter ändert die Oberfläche, und plötzlich funktionieren dutzende automatisierte Prozesse nicht mehr. Bis zu zwölf Automatisierungen brechen bei jedem größeren Update, wie Branchenstudien zeigen. Die Wartung frisst 70 bis 75 Prozent der Gesamtkosten. Microsoft schickt sich an, dieses Geschäftsmodell obsolet zu machen.
Denn diese Woche erreichten computersteuernde KI-Agenten in Microsoft Copilot Studio den Status der allgemeinen Verfügbarkeit. Statt vorgezeichnete Klickpfade aufzuzeichnen, beschreiben Anwender den Workflow in natürlicher Sprache. Der Agent nutzt dann Sehfähigkeit und logisches Denken, um sich durch Live-Oberflächen zu navigieren. Selbst wenn Schaltflächen wandern oder komplette Portale umgestaltet werden, passt sich die KI automatisch an.
So funktioniert die Computer-Steuerung durch KI-Agenten
Die Funktionsweise ist bemerkenswert einfach. Ersteller eines Agenten navigieren im Copilot Studio zu Werkzeuge, wählen Computer-Steuerung hinzu und beschreiben die Aufgabe in Klartext. Im Hintergrund macht der Agent fortlaufend Bildschirmaufnahmen der Zielanwendung, analysiert was er sieht und entscheidet über den nächsten Schritt. Klicken, tippen, scrollen oder warten, all das steuert die KI eigenständig.
Dabei greift Microsoft auf dieselben visuellen und sprachlichen Modelle zurück, die auch den regulären Copilot antreiben. Das bedeutet eine nahtlose Integration in die bestehende Power-Platform-Infrastruktur, die bereits über 230.000 Organisationen lizenziert haben. Microsoft muss also keinen Beschaffungskrieg gegen UiPath oder Automation Anywhere gewinnen. Es reicht, wenn die Funktion innerhalb bestehender Lizenzen gut genug funktioniert.
Preise, Governance und Sicherheitskontrollen
Die Abrechnung läuft über Copilot-Credits zu 0,01 Dollar pro Credit. Ein Capacity-Pack mit 25.000 Credits kostet 200 Dollar monatlich, mit bis zu 20 Prozent Rabatt bei jährlicher Vorauszahlung. Für Unternehmen, die bisher sechsstellige Summen für RPA-Wartung ausgeben, rechnet sich das schnell.
Zudem hat Microsoft Sicherheitsaspekte von Anfang an integriert. Allow-Listen für zulässige Websites und Desktop-Apps, Data-Loss-Prevention über die Power Platform, Umgebungsisolation und rollenbasierte Veröffentlichungsrechte gehören zum Standard. Jede Session wird mit Bildschirmfotos, Klick-Koordinaten und Denkverlauf protokolliert. Diese Protokolle fließen in Microsoft Purview, Dataverse und über Konnektoren in Sentinel oder andere SIEM-Systeme ein. Zudem lassen sich Kontrollpunkte konfigurieren, bei denen ein Mensch eingreifen kann, etwa bei unsicheren Schritten oder sensiblen Aktionen.
Mehr als nur Computer-Steuerung: Multi-Agenten-Ökosystem
Parallel zur Computer-Steuerung hat Microsoft auch die Multi-Agenten-Koordination auf den allgemeinen Verfügbarkeitsstatus gehoben. Drei neue Fähigkeiten stehen im Mittelpunkt: die Integration mit Microsoft Fabric für datenintensive Szenarien, die Orchestrierung über den Microsoft 365 Agents SDK und die Kommunikation zwischen Agenten über das offene Agent-to-Agent-Protokoll.
Damit können Teams verschiedene Spezialagenten miteinander verknüpfen, ohne Logik doppelt aufzubauen. Ein Datenagent liefert Kontext, ein Regelagent wendet Geschäftsregeln an, und ein Aktionsagent führt die eigentliche Aufgabe aus. Diese Zusammenarbeit über Systemgrenzen hinweg markiert einen wichtigen Schritt von isolierten KI-Piloten hin zu echten Produktivsystemen. Ähnliche Ansätze verfolgt auch Google mit Gemini Intelligence für Android, jedoch mit Fokus auf Endverbraucher statt Unternehmensprozesse.
Was das für Unternehmen bedeutet
Für CIOs und CTOs verschiebt sich die Kostengerade grundlegend. Bisher galten 30 bis 50 Prozent der RPA-Projekte als ROI-verfehlend, weil die Brüchigkeit der Automatisierung ständige Nacharbeit erfordert. Ein Agent, der sich visuell anpasst, wenn eine Schaltfläche um zwei Pixel wandert, senkt diese Wartungslast drastisch.
Allerdings ist die Technologie nicht völlig neu. Anthropic brachte Computer-Steuerung Ende 2024 auf den Markt, OpenAI folgte Anfang 2025 mit Operator. Der Unterschied liegt in der unternehmenstauglichen Verpackung: Governance, DLP, Audit-Trails und eine Abrechnung, die in bestehende Microsoft-365-Verträge passt. Wer bereits in der Power-Platform-Welt lebt, für den wird RPA von Drittanbietern zunehmend schwerer zu rechtfertigen sein. Und auch bei SAPs Autonomous Enterprise zeigt sich dieser Trend zur agentengesteuerten Automatisierung.
Die Botschaft ist klar: Die Ära der zerbrechlichen Klick-Automatisierung neigt sich dem Ende zu. Unternehmen sollten bestehende RPA-Landschaften kritisch prüfen und evaluieren, ob KI-gestützte Agenten die Wartungskosten senken können. Denn wer heute noch Hunderte von RPA-Bots pflegt, zahlt morgen möglicherweise für eine Technologie, die ein KI-Agent besser, billiger und zuverlässiger erledigt.