Der 30. Juni 2026 sollte ein Meilenstein werden. An diesem Tag sollte das erste umfassende KI-Gesetz eines US-Bundesstaates in Kraft treten. Stattdessen steht Colorado jetzt mit einem komplett umgeschriebenen Gesetz da. SB 26-189 ersetzt die ursprünglichen Regeln durch ein engeres Rahmenwerk. Zudem drängt Washington mit dem Great American AI Act auf eine bundesweite Lösung. Was bedeutet der Neustart für Verbraucher und Unternehmen?
Was passiert ist: Colorado schreibt sein eigenes Gesetz um
Im Mai 2024 unterzeichnete Gouverneur Jared Polis SB 24-205. Das Gesetz war das erste seiner Art in den Vereinigten Staaten. Es verpflichtete Entwickler und Betreiber von KI-Systemen zu Sorgfaltspflichten, Risikoanalysen und Transparenz. Außerdem räumte es Verbrauchern ein Widerspruchsrecht gegen KI-Entscheidungen ein. Allerdings unterschrieb Polis das Gesetz mit Vorbehalten und bat den Senat, es vor dem Inkrafttreten zu überarbeiten.
Diese Überarbeitung zog sich hin. In der Sitzungsperiode 2025 kam keine Einigung zustande. Lediglich eine Verschiebung des Inkrafttretens von Februar auf Juni 2026 wurde beschlossen. Eine Arbeitsgruppe legte im März 2026 einen neuen Entwurf vor. Dieser lieferte die Basis für SB 26-189, der am 9. Mai den Senat passierte und am 14. Mai von Polis unterzeichnet wurde.
Was sich ändert: Engere Regeln, aber Kernrecht bleibt
Das neue Gesetz reguliert nicht mehr alle KI-Systeme mit hohem Risiko. Stattdessen fokussiert es sich auf sogenannte Covered Automated Decision-Making Technology, kurz ADMT. Das sind Systeme, die personenbezogene Daten verarbeiten und eine wesentliche Rolle bei einer folgenreichen Entscheidung spielen. Zudem betrifft es Bereiche wie Beschäftigung, Wohnen, Kreditvergabe, Versicherung, Gesundheit und Bildung.
Verbraucher behalten drei zentrale Rechte. Erstens das Recht auf Information, wenn ein KI-System bei einer Entscheidung eingesetzt wurde. Zweitens das Recht auf Erklärung einer negativen Entscheidung. Drittens das Recht auf menschliche Überprüfung. Konkret heißt das: Wenn ein Algorithmus einen Job, einen Kredit oder eine Wohnung verweigert, können Betroffene verlangen, dass ein Mensch den Fall noch einmal prüft.
Allerdings verschiebt sich das Inkrafttreten auf den 1. Januar 2027. Außerdem gibt es keine private Klagemöglichkeit. Die Durchsetzung liegt allein beim Generalstaatsanwalt von Colorado. Dafür entfallen einige Bundesausnahmen, sodass mehr Unternehmen unter das Gesetz fallen als bisher.
Geschäftliche Auswirkungen: Weniger Bürokratie, aber neue Pflichten
Für Unternehmen bringt SB 26-189 eine gemischte Nachricht. Die weitreichenden Sorgfalts-, Risiko- und Impact-Assessment-Pflichten des alten Gesetzes entfallen. Dadurch sinkt der Governance-Aufwand erheblich. Gleichzeitig verliert das Gesetz aber einige Bundesausnahmen, die bestimmte Branchen vorher ausgenommen hätten.
Zudem muss der Generalstaatsanwalt bis zum 1. Januar 2027 verbindliche Regeln erarbeiten. Das bedeutet, dass die genauen Anforderungen erst in den kommenden Monaten definiert werden. Unternehmen haben bis 2030 eine 60-tägige Nachbesserungsfrist bei Verstößen. Die Aufbewahrungspflicht für Unterlagen beträgt drei Jahre.
Der Bundes-Konflikt: Great American AI Act versus Colorado
Über all dem schwebt ein bundesweites Gesetz. Am 4. Juni stellten die Abgeordneten Jay Obernolte und Lori Trahan den Great American AI Act vor. Der Entwurf umfasst 269 Seiten und sieht unter anderem vor, dass Bundesgesetze die der Einzelstaaten für drei Jahre verdrängen. Zudem würde ein Zentrum für KI-Standards im Handelsministerium mit 100 Millionen Dollar pro Jahr ausgestattet.
Allerdings gilt die Verdrängung nur für die Regulierung der Entwicklung von KI-Modellen, nicht für deren Einsatz. Colorados Regeln betreffen ausgerechnet den Einsatz und die Nutzung bei folgenreichen Entscheidungen. Daher könnten sie selbst bei einem bundesweiten Gesetz weitergelten. Verbraucherschützer kritisieren die Verdrängungsklausel scharf und bezeichnen sie als Fehler einer Generation.
Warum das auch für Europa wichtig ist
Der europäische AI Act trat im August 2026 in Kraft. Colorado zeigt nun, wie schwierig Regulierung in der Praxis ist. Das ursprüngliche Gesetz war ambitioniert. Die überarbeitete Version ist pragmatischer, aber enger gefasst. Der Konflikt zwischen Bundes- und Landesrecht spiegelt ähnliche Spannungen in der EU wider. Dort ringen Mitgliedsstaaten und Brüssel um Zuständigkeiten und Umsetzungsfristen.
Außerdem hat Colorado damit einen Präzedenzfall geschaffen. Andere Bundesstaaten wie New York haben bereits eigene Gesetze verabschiedet. Die Frage lautet: Setzen Einzelstaaten den Ton, oder übernimmt Washington die Führung? Die Antwort darauf wird bestimmen, wie KI in den Vereinigten Staaten reguliert wird.
Was jetzt passiert
Unternehmen, die sich auf die alten Colorado-Regeln vorbereitet hatten, müssen ihre Strategien anpassen. Das neue Gesetz ist enger, aber in einigen Bereichen weiterreichend. Die verbindlichen Regelungen des Generalstaatsanwalts werden die praktische Umsetzung bestimmen. Außerdem bleibt abzuwarten, ob der Great American AI Act den Kongress passiert. Bis dahin ist Colorado der einzige Bundesstaat mit einem umfassenden KI-Gesetz, und es lohnt sich, die Entwicklung genau zu beobachten. Auch Europas Regulierer schauen genau hin.