Cloudflare streicht über 20 Prozent der Belegschaft, obwohl der Umsatz auf Rekordniveau wächst. CEO Matthew Prince liefert dafür eine einprägsame Theorie: KI ersetzt die Kontrolleure, nicht die Macher. Doch die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Der Cloudflare-Chef teilt alle Unternehmensrollen in drei Kategorien ein: Baumeister entwickeln Produkte, Verkäufer schließen Verträge und Kontrolleure kümmern sich um interne Prüfungen, Compliance und mittleres Management. Genau diese letzte Gruppe trifft der Abbau. Über 1.100 Stellen fallen weg, obwohl das Unternehmen laut Prince Rekordumsatz und starken Cashflow verzeichnet. Ein solcher Schritt sei in der US-Wirtschaftsgeschichte ohne Vorbild, behauptet der CEO.
Die Drei-Klassen-Theorie des Matthew Prince
Prince beruft sich auf Peter Druckers Management-Klassiker aus dem Jahr 1954. Wer Produkte entwickelt oder Verträge abschließt, bleibt demnach unersetzbar. KI mache Ingenieure zehnmal produktiver, also wolle man mehr von ihnen einstellen. Verkäufer seien sicher, weil Menschen nun einmal Budgets kontrollierten und Vertrauen brauchten. Kontrolleure hingegen verlieren ihren Job, weil KI-Systeme Unternehmen angeblich präziser und objektiver messen könnten als jeder Mensch. Prince schrieb dazu in der Wall Street Journal, dass KI unermüdlich, unabhängig und verfügbar sei.
Was die Finanzen wirklich verraten
Doch die Bilanzdaten sprechen eine andere Sprache als der CEO. Im ersten Quartal 2026 wuchs der Umsatz um 34 Prozent auf fast 640 Millionen Dollar. Allerdings verbuchte Cloudflare gleichzeitig einen Betriebsverlust von 62 Millionen Dollar. Die Bruttomarge sank von 75,9 auf 71,2 Prozent. Die Aktie verlor nach den Geschäftszahlen über 15 Prozent an Wert. Analysten von Morningstar erklären den Stellenabbau schlicht damit, dass Cloudflare Gehälter gegen höhere Infrastrukturkosten tauscht, um die Profitabilität zu retten.
Überstellung als wahre Ursache
Ein Blick in den Jahresbericht 2025 zeigt ein offensichtliches Problem. Die Mitarbeiterzahl stieg von 3.682 Ende 2023 auf 5.156 Ende 2025. Das entspricht einem Wachstum von 40 Prozent innerhalb von zwei Jahren. Das Unternehmen selbst räumte ein, dass dieses schnelle Wachstum Verwaltung, Operations und Finanzen belastete. Der Abbau wirkt daher weniger wie eine KI-Strategie und mehr wie ein klassisches Effizienzprogramm, verpackt in KI-Rhetorik. Marc Andreessen beschrieb dieses Muster kürzlich im Podcast 20VC: Große Unternehmen seien massiv überbesetzt, und jetzt hätten sie die perfekte Ausrede.
Ein Muster in der Tech-Branche
Cloudflare steht mit diesem Vorgehen nicht allein da. Block-Chef Jack Dorsey strich fast die Hälfte der Belegschaft und verwies auf KI-Tools, gab aber später zu, dass das Unternehmen während der Pandemie schlicht überstellt hatte. Auch Indeed und Glassdoor reduzierten rund 1.300 Stellen mit derselben Begründung, ohne Belege zu liefern. Meta kürzte kürzlich 10 Prozent der Jobs, während Zuckerberg in einer internen Mitteilung warnte, dass Erfolg in der KI-Ära nicht garantiert sei. Insgesamt sind 2026 bereits fast 49.000 KI-bedingte Entlassungen in den USA gemeldet worden, fast so viele wie im gesamten Vorjahr.
Bleiben Baumeister wirklich sicher?
Prince argumentiert, dass Ingenieure von KI profitieren, statt durch sie ersetzt zu werden. Doch eine Anthropic-Studie kommt zu einem anderen Schluss. Die Forscher fanden heraus, dass KI theoretisch die Mehrheit der Aufgaben in Finanz-, Rechts- und Managementberufen erledigen kann. Gleichzeitig kann sie aber auch den Großteil der Aufgaben von Ingenieuren und Verkäufern übernehmen. Die Grenze zwischen sicher und gefährdet verläuft also weniger scharf, als der Cloudflare-Chef suggeriert. Zudem zeigen Erfahrungen mit Werkzeugen wie Claude Code, dass Softwareentwicklung längst nicht mehr vor Automatisierung gefeit ist. Die Debatte um KI-bedingte Entlassungen wird zunehmen. Ob Prince mit seiner Theorie recht behält oder ob es sich um KI-Washing handelt, wird sich an den nächsten Quartalszahlen zeigen. Eines ist jedoch klar: Wenn Unternehmen Rekordumsätze melden und gleichzeitig massiv abbauen, sollten die Begründungen kritisch geprüft werden.