Claude Fable 5: Anthropic öffnet sein gefährlichstes KI-Modell für alle

von Marcel Buchholz 10. Juni 2026 2 Min. Lesezeit Software & Entwicklung

Anthropic hat am Montag Claude Fable 5 veröffentlicht, das mächtigste KI-Modell, das das Unternehmen je der Allgemeinheit zugänglich gemacht hat. Gleichzeitig startet Claude Mythos 5 als eingeschränkte Version für vertrauenswürdige Partner. Der Schritt kommt nur sieben Wochen, nachdem Anthropic die Mythos-Technologie noch als zu gefährlich für die Öffentlichkeit einstufte.

Mythos-Klasse für alle: Was Fable 5 kann

Fable 5 übertrifft jedes bisher öffentlich verfügbare Claude-Modell. Es erreicht Spitzenwerte in fast allen getesteten Benchmarks und glänzt besonders bei Softwareentwicklung, Wissensarbeit, Bildanalyse und wissenschaftlicher Forschung. Je komplexer und länger eine Aufgabe wird, desto größer fällt der Vorsprung gegenüber anderen Modellen aus. Stripe berichtete bereits im Rahmen von Tests, dass Fable 5 eine Migration in einem 50-Millionen-Zeilen-Codebase an einem Tag erledigte, für die ein Team sonst über zwei Monate gebraucht hätte.

Sicherheits-Guardrails: Wenn Fable 5 die Bremse zieht

Das Modell trägt jedoch ein doppeltes Gesicht. Anfragen in riskanten Bereichen wie Cybersicherheit, Biologie, Chemie oder Modell-Destillation werden automatisch an Claude Opus 4.8 weitergeleitet. Nutzer erhalten dann eine Benachrichtigung, dass ihr Anliegen von einem weniger mächtigen Modell bearbeitet wurde. Laut Anthropic betrifft diese Weiterleitung durchschnittlich weniger als 5 Prozent aller Sitzungen. Interne und externe Red-Teams haben über 1.000 Stunden lang versucht, das System zu knacken, ohne einen universellen Jailbreak zu finden.

Mythos 5: Die uneingeschränkte Version bleibt exklusiv

Mythos 5 nutzt dieselbe zugrundeliegende Architektur wie Fable 5, jedoch ohne die Sicherheitsfilter. Zugang erhalten ausschließlich Teilnehmer von Project Glasswing, darunter Regierungsbehörden und Betreiber kritischer Infrastruktur. Die britische AI Security Institute hatte Mythos Preview im April mit einer Erfolgsquote von 73 Prozent bei professionellen Capture-the-Flag-Herausforderungen bewertet. Das Modell löste als erstes überhaupt die 32-stufige Netzwerkattacke “The Last Ones”, die Menschen etwa 20 Stunden Arbeit abverlangt.

Preisgestaltung und Verfügbarkeit

Beide Modelle kosten 10 Dollar pro Million Eingabe-Tokens und 50 Dollar pro Million Ausgabe-Tokens. Das ist weniger als die Hälfte des bisherigen Mythos-Preises, dennoch zählen sie zu den teuersten KI-Modellen auf dem Markt. Fable 5 ist sofort über die Claude-Website, die Apps und die API verfügbar. Mythos 5 bleibt vorerst auf bestehende Glasswing-Teilnehmer beschränkt.

Die Kontroverse: Sicherheitsbedenken gegen Marktdruck

Der Timing-Kontrast ist kaum zu übersehen. Am 28. Mai schloss Anthropic eine 65-Milliarden-Dollar-Finanzierungsrunde mit einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar ab. Am selben Tag kündigte das Unternehmen an, Mythos-Klasse-Modelle bald allen Kunden zur Verfügung zu stellen. Beobachter wie IBM-Forscher Gabe Goodhart fragen sich, ob die schnelle Freigabe eher von Marktkräften oder von echter Sicherheitsreife getrieben ist. Anthropic selbst betont, dass die Guardrails konservativ eingestellt seien und bei Gelegenheit noch verbessert werden.

Was bedeutet das für Nutzer und Entwickler?

Für Entwickler bedeutet Fable 5 einen massiven Sprung bei Coding-Agenten und langlaufenden Aufgaben. In Cognitions FrontierCode-Benchmark erreicht Fable 5 die höchste Punktzahl aller Frontier-Modelle, selbst bei mittlerem Rechenaufwand. Im Finanzbereich setzt Fable 5 auf Hebbias Benchmark für analytisches Denken die neue Bestmarke. IMC berichtet, dass das Modell fast alle Trading-Analyse-Tests bestanden hat. Die eigentliche Frage bleibt jedoch, ob die 5-Prozent-Guardrail-Schwelle ausreicht, um Missbrauch wirksam zu verhindern, während mächtigere Versionen im Hintergrund bereitstehen.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.