China verlagert KI-Rechenzentren ins All: 8,4 Milliarden Dollar für orbitale Infrastruktur

von Marcel Buchholz 20. Juni 2026 3 Min. Lesezeit News

China treibt das wohl ambitionierteste Infrastrukturprojekt der KI-Geschichte voran. Ein staatlich unterstütztes Startup sichert sich Kreditlinien in Höhe von 8,4 Milliarden Dollar, um Rechenzentren niedrig im Orbit zu betreiben. Der Plan reicht bis 2035 und umfasst eine Gigawatt-Konstellation im Weltall.

Orbitale Rechenzentren als Antwort auf terrestrische Grenzen

Der Landverbrauch konventioneller Rechenzentren wächst weltweit rasant. Außerdem stoßen irdische Standorte an energetische und thermische Limits. Genau hier setzen chinesische Planer an: Rechenleistung soll künftig im All entstehen, wo Solarenergie unbegrenzt zur Verfügung steht und passive Kühlung durch das Vakuum möglich ist. Das Startup Orbital Chenguang, inkubiert vom Beijing Astro-future Institute of Space Technology, hat dafür im April eine Pre-A1-Finanzierungsrunde abgeschlossen und gleichzeitig Kreditlinien von 57,7 Milliarden Yuan gesichert. Zwölf Großbanken, darunter Bank of China und CITIC Bank, stehen hinter dem Deal.

Allerdings handelt es sich bei diesen Kreditlinien um potenzielle und nicht bereits zugesagte Mittel. Dennoch signalisiert die Dimension klare institutionelle Rückendeckung. Orbital Chenguang fungiert als kommerzieller Knoten innerhalb eines staatlich orchestrierten Gesamtvorhabens.

Zwei neue Ausschüsse bündeln über 100 Organisationen

Zudem baut China institutionelle Strukturen auf. Im Juni 2026 gründete das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie den Space Computing Working Committee unter der China Computer Industry Association. Über 100 Organisationen aus den Bereichen Strahlenfeste Chips, Kühlung, Datenübertragung und Trägerraketen haben bereits Bewerbungen eingereicht. Der Ausschuss wird von Wang Jianyu von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften geleitet. Zusätzlich etablierte sich im April der Space Computing Power Professional Committee, der sich auf Standards und Integration konzentriert. Beide Gremien überschneiden sich teilweise, was typisch für chinesische Industriepolitik ist.

Drei-Body-Konstellation und ExaFLOP-Ziel

Konkret gibt es bereits erste Satelliten im Orbit. ADA Space und Zhejiang Lab starteten im Mai 2025 zwölf Satelliten der Three-Body-Konstellation. Auf sechs davon laufen bereits elf KI-Modelle. Das langfristige Ziel lautet 1.000 Satelliten mit einer Gesamtleistung von einem ExaFLOP. Damit wäre die Konstellation ungefähr so leistungsfähig wie die stärksten irdischen Supercomputer heute. Shanghai Bailing Aerospace entwickelt eine 100-Kilowatt-Plattform. Oriental Tiansuan und Guangbenwei arbeiten an einem photonischen Rechensatelliten, der als erster seiner Art im All operieren soll.

Die Pläne sehen einen Dawn-Dusk-Orbit in 700 bis 800 Kilometern Höhe vor. Diese sonnensynchrone Umlaufbahn bietet nahezu ununterbrochene Sonneneinstrahlung und passive Kühlung. Jedoch bleiben erhebliche technische Herausforderungen, insbesondere bei der Wärmeableitung und strahlenfesten Prozessoren.

Strategischer Kontext: Fünfjahresplan und CASC-Vision

Das Projekt ordnet sich in Chinas neuen 15. Fünfjahresplan ein, der eine integrierte Himmel-Erde-Infrastruktur für Kommunikation, Navigation und Computing vorsieht. CASC, Chinas staatlicher Hauptauftragnehmer für Raumfahrt, propagiert eine Gigawatt-Konstellation bis 2030. Allerdings existiert noch keine fertige Hardware. Der experimentelle Satellit Chenguang-1 ist noch nicht gestartet. Einige unbestätigte Satelliten gingen bei Fehlstarts der Ceres-2 und Tianlong-3 verloren.

Dennoch investiert China massiv in Trägerraketen, Raumhäfen und Produktionskapazitäten. Ende 2025 reichte das Land ITU-Papiere für zwei Mega-Konstellationen mit jeweils fast 97.000 Satelliten ein. Das Rennen um orbitale Ressourcen hat begonnen, und Peking positioniert sich früh.

Was das für Europa und die USA bedeutet

Zwar bleibt die Umsetzung unsicher, aber die Signalwirkung ist eindeutig. Falls China orbital Rechenkapazität im industriellen Maßstab realisiert, verändert das die geopolitische Landschaft der KI-Infrastruktur grundlegend. Terrestrische Rechenzentren stünden vor neuer Konkurrenz, die keine Grundstücke und keine Wasserkühlung braucht. Europas und Amerikas Regulierungsansätze für KI-Rechenzentren würden ebenfalls eine neue Dimension erhalten, wenn die Infrastruktur dem Zugriff territorialer Behörden entzogen ist. Die Frage lautet nicht mehr, ob KI im All stattfindet, sondern wie schnell.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.