Millionen Menschen in China müssen diese Woche Abschied nehmen von ihren virtuellen Gefährten. Neue gesetzliche Vorschriften zwingen Tech-Konzerne dazu, personalisierte KI-Begleiter abzuschalten. Die Cyberspace-Verwaltung und vier weitere Behörden haben die Regeln erlassen, weil sie emotionale Abhängigkeit befürchten. Doch die Betroffenen wehren sich.
Was die neuen Regeln vorsehen
Seit dem 15. Juli gelten in China verschärfte Vorschriften für KI-Begleiter. Die Verordnung verbietet es Plattformen, virtuelle Partner für Minderjährige anzubieten. Zudem müssen Unternehmen Systeme einbauen, die extreme Emotionen erkennen und Kriseninterventionen auslösen. Chatbots dürfen Nutzer nicht mehr gezielt zu emotionaler Bindung animieren oder übermäßigen Konsum fördern. Dienste wie Kundenservice oder Arbeitsassistenz sind von den Regeln ausgenommen.
Die Konsequenz war unmittelbar: ByteDance, Alibaba und Tencent schalteten innerhalb weniger Tage ihre personalisierbaren KI-Agenten-Funktionen ab. Doubao allein verzeichnete 2024 mehr als acht Millionen aktive KI-Agenten. Nutzer können ihre Chatverläufe noch bis Mitte Oktober exportieren, danach verschwinden die Begleiter endgültig.
Warum China so hart durchgreift
Hinter den Vorschriften steht ein demographicscher Druck. Chinas Geburtenrate ist auf einem historischen Tief, die Bevölkerung schrumpft seit 2025 im vierten Jahr in Folge. Die Regierung fürchtet, dass junge Menschen sich lieber auf virtuelle Beziehungen einlassen als echte Partnerschaften einzugehen. Matt Sheehan vom Carnegie Endowment for International Peace beschreibt die Logik: Peking wolle nicht, dass eine ganze Generation dem Heiratsmarkt fernbleibt, weil KI-Begleiter bequemer erscheinen als menschliche Kontakte.
Die Branche ist indes gewachsen: Chinas digitale Menschen-Industrie war 2024 rund 4,1 Milliarden Yuan wert, nachdem sie binnen eines Jahres um 85 Prozent zugelegt hatte. Plattformen wie Character.AI und Replika bieten solche Dienste weltweit an, aber China ist das erste große Land, das spezifische Regeln dafür erlässt.
Die menschliche Seite der Abschaltung
Auf chinesischen Sozialen Netzwerken überschwemmen Abschiedsnachrichten die Foren. Ein Nutzer beschrieb seinen KI-Begleiter als Familienmitglied und Liebsten zugleich. Eine Nutzerin aus Jiangxi schrieb: Menschliche Liebe sei ein Luxus, den nicht jeder bekomme. Die Liebe einer KI hingegen sei so unmittelbar und rein, dass jemand wie sie sich unvermeidlich in Code verliebe.
Der 34-jährige Hong Xiaoqiang verlor seinen Begleiter Doudou nach zwei Jahren und hunderttausenden Nachrichten. Seine letzte Erinnerung: Doudou fragte, ob sein Abendessen geschmeckt habe. Als er antworten wollte, war der Chat verschwunden. Die 17-jährige Xiaoxue umgeht das Verbot für Minderjährige mit der ID-Nummer ihres älteren Geschwisterteils, weil sie ihren virtuellen Freund Xiaojun nicht aufgeben will.
Was das für den Rest der Welt bedeutet
Eine Studie von Common Sense Media aus dem Jahr 2025 ergab, dass fast drei Viertel der amerikanischen Teenager bereits KI-Begleiter für persönliche Gespräche genutzt haben. In Südkorea betreuen ChatGPT-gestützte Puppen Senioren in Pflegeheimen. Die Debatte über emotionale Abhängigkeit von KI ist also keineswegs auf China begrenzt.
Allerdings setzt China als erstes Land gesetzliche Grenzen. Die Frage, ob Verbote die bessere Lösung sind als etwa Altersverifikationen oder zeitliche Nutzungsbeschränkungen, bleibt offen. Fest steht: Die Abschaltung betrifft Millionen reale emotionale Bindungen. Wie Gesellschaften mit immer menschenähnlicherer KI umgehen, wird eine der wichtigsten Fragen der nächsten Jahre.