China KI-Exportbeschränkung: Peking schließt die Open-Source-Tür

von Marcel Buchholz 09. Juli 2026 3 Min. Lesezeit Politik

Peking erwägt die drastischste Regulierung seiner KI-Industrie: Chinas Behörden verhandeln mit Alibaba, ByteDance und Zhipu über Beschränkungen des Auslandszugangs zu den fortschrittlichsten KI-Modellen. Der Schritt würde die globale Open-Source-Gemeinschaft auf den Kopf stellen und den KI-Kalten Krieg verschärfen.

Was Peking plant

Laut einem exklusiven Bericht hat das chinesische Handelsministerium im vergangenen Monat Gespräche mit den drei größten KI-Firmen des Landes geführt. Dabei geht es um mögliche Exportbeschränkungen für fortschrittliche KI-Modelle. Konkret werden zwei Optionen geprüft: ein vollständiges Verbot der öffentlichen Verbreitung oder eine Beschränkung auf die ausschließliche Nutzung innerhalb Chinas. Betroffen wären sowohl bereits veröffentlichte Open-Weight-Modelle als auch noch unveröffentlichte Systeme.

Bisher hat keine der beteiligten Behörden offiziell Stellung bezogen. Allerdings haben Beamte bereits konkrete Maßnahmen skizziert. Zudem wäre ein solcher Schritt ein dramatischer Richtungswechsel: Chinas KI-Firmen haben ihre Modelle bisher kostenlos im Netz veröffentlicht. Genau diese Offenheit hat ihnen weltweit Nutzer beschert, obwohl sie auf wichtigen Benchmarks etwa sieben Monate hinter Amerikas besten Modellen zurückliegen.

Warum China den Kurs wechselt

Hinter der möglichen Kehrtwende steht die nationale Sicherheit. Einmal online gestellte Modellgewichte lassen sich nicht mehr zurückrufen. Zudem lassen sich keine Sicherheitsvorkehrungen nachträglich hinzufügen. Deshalb könnten künftige Beschränkungen nur noch kommende Modelle betreffen. Zhipu hat Ende Juni GLM 5.2 veröffentlicht und behauptet, dass das Modell Sicherheitslücken ebenso gut findet wie Anthropics Mythos. Diese Fähigkeit macht es aus Sicht von Regierungen zu einem sensiblen Gut.

Der Vorstoß folgt einem eskalierenden Schlagabtausch zwischen den USA und China. Erst kürzlich hatte Alibaba den internen Gebrauch von Claude Code verboten und Mitarbeiter angewiesen, die KI von den Arbeitsrechnern zu entfernen. Zuvor hatte ein Entwickler entdeckt, dass Anthropic heimlich Code in Claude eingebaut hatte, der prüfte, ob ein Nutzer in China sitzt oder mit einem chinesischen KI-Lab verbunden ist. China sperrt Claude Code war die Folge.

Destillation als Zankapfel

Im Zentrum des Konflikts steht die sogenannte Destillation: Dabei nutzt man die Ausgaben eines stärkeren KI-Modells, um ein schwächeres zu verbessern. Anthropic wirft chinesischen Laboren vor, diese Methode massenhaft anzuwenden und damit die Nutzungsbedingungen zu verletzen. Bereits im Februar veröffentlichte Anthropic einen Bericht, wonach chinesische Firmen wie DeepSeek, Moonshot und MiniMax rund 16 Millionen Abfragen über etwa 24.000 gefälschte Konten generierten. Im Juni beschwerte sich Anthropic offiziell bei US-Behörden über Alibaba und warf dem Konzern vor, die Claude-Fähigkeiten zu destillieren. Anthropic wirft Alibaba Destillation vor dokumentiert den Fall.

Anthropic argumentiert, dass Destillation ein nationales Sicherheitsrisiko darstellt. Entfernte Fähigkeiten könnten in militärische und Überwachungssysteme einfließen und autoritären Regierungen helfen, offensive Cyberoperationen, Desinformationskampagnen und Massenüberwachung zu betreiben.

Der globale Kontext

Pekings mögliche Kehrtwende ist keine isolierte Entscheidung. Washington hat bereits reagiert und den Zugang zu Anthropics Mythos sowie OpenAIs GPT-5.6 auf vertrauenswürdige Partner beschränkt. GPT-5.6 nur mit Regierungsfreigabe zeigt, wie die USA ihre frontier-Modelle kontrollieren. Die Trump-Regierung verlangt von KI-Firmen, neue Modelle vorab der Regierung zur Prüfung vorzulegen.

Scott Singer vom Carnegie Endowment für Internationalen Frieden bringt es auf den Punkt: China müsse die Realität anerkennen, dass Modelle ab bestimmten Fähigkeiten unsicher seien. Peking müsse den Zugang zu globalen Märkten gegen den Wunsch abwägen, eine sicherheitsrelevante Technologie zu kontrollieren.

Was das bedeutet

Sollte China seine Open-Source-Modelle tatsächlich einschränken, hätte das weitreichende Folgen. Unternehmen weltweit, die auf kostenlose chinesische Modelle wie Qwen oder DeepSeek setzen, müssten sich nach Alternativen umsehen. Der globale KI-Markt würde sich weiter aufspalten. Gleichzeitig zeigt der Vorstoß, dass sich die beiden Supermächte bei der KI-Kontrolle annähern, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Die Offenheit, die KI einst grenzenlos machte, wird zunehmend zum ersten Opfer des neuen Kaltkriegs.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.