ChatGPT Work: Vom Chatbot zum selbstständigen Agenten
OpenAI hat mit ChatGPT Work einen neuen Agenten vorgestellt, der deutlich über einfache Chat-Antworten hinausgeht. Das Produkt ist direkt in ChatGPT integriert und kann Aufgaben über mehrere Apps hinweg erledigen, Projekte über Stunden verfolgen und fertige Dokumente, Tabellen oder Präsentationen aus einem einzigen Auftrag generieren. Angetrieben wird das Ganze von GPT-5.6, dem aktuellen Frontier-Modell von OpenAI, das am selben Tag den öffentlichen Rollout startete.
So funktioniert der neue KI-Agent im Detail
ChatGPT Work kombiniert die Codex-Technologie mit Drittanbieter-Integrationen. Nutzer verbinden ihre Arbeitswerkzeuge über ein neues Plugin-Verzeichnis: Google Drive, SharePoint, Slack, Microsoft Teams, Gmail, Outlook, Salesforce, Adobe, Zoom, LinkedIn, GitHub, Canva und Dropbox gehören zu den mehr als einem Dutzend unterstützten Plattformen. ChatGPT erkennt automatisch, welche App relevant ist, oder Nutzer steuern es gezielt mit einem @-Zeichen vor dem App-Namen.
Dahinter steckt eine Strategie, die an den gescheiterten Plugin-Versuch von 2023 erinnert. OpenAI-Mitgründer Greg Brockman räumte damals ein, dass die Plugins „überhaupt nicht funktioniert haben, weil die Modelle noch nicht bereit waren“. Mit GPT-5.6 im Hintergrund erwartet OpenAI dieses Mal ein anderes Ergebnis. Über fünf Millionen Menschen nutzen Codex inzwischen wöchentlich, davon mehr als eine Million für Aufgaben außerhalb der Softwareentwicklung.
Workflow-Automatisierung aus einem Prompt
Der Kern von ChatGPT Work liegt in der Fähigkeit, ganze Arbeitsabläufe aus einem einzigen Auftrag zu steuern. Ein Beispiel: ChatGPT kann Kundenrecherche in eine Kampagnenübersicht verwandeln, daraus Marketingmaterialien erstellen und diese für verschiedene Märkte anpassen, ohne dass der Kontext neu erklärt werden muss. Außerdem gibt es sogenannte Scheduled Tasks: ChatGPT kann wiederkehrende Aufgaben automatisch erledigen, etwa wöchentlich Slack-Nachrichten zusammenfassen oder morgens Dashboard-Veränderungen melden.
In OpenAIs eigener Nutzung hat der Agent bereits Ergebnisse gezeigt. Das Finanzteam reduzierte den Monatsabschluss von Tagen auf Stunden. Im Vertrieb wandelte ChatGPT Work ein Kundengespräch innerhalb von 24 Stunden in einen maßgeschneiderten Lösungsansatz um, ein Prozess, der sonst Wochen dauern würde.
Sites: Vom Dokument zur interaktiven Webseite
Eine weitere Neuerung ist die Funktion Sites, die sich aktuell in der öffentlichen Beta befindet. Nutzer können ihre Arbeitsergebnisse in interaktive Webseiten oder Web-Apps verwandeln und per URL teilen. Dashboards, Projekt-Tracker, Startkalender oder interne Portale lassen sich direkt in ChatGPT erstellen und automatisch aktualisieren, wenn sich die zugrundeliegenden Daten ändern. Das erinnert an Tools wie Notion oder Glide, allerdings generiert ChatGPT diese Seiten ohne Programmierkenntnisse.
Desktop-App mit integriertem Browser
Auf dem Desktop geht OpenAI noch einen Schritt weiter. Die neue ChatGPT-Desktop-App vereint Chat, Work und Codex in einer einzigen Oberfläche. Die ehemalige Codex-App wird darin aufgelöst. ChatGPT kann jetzt lokale Dateien und Apps nutzen sowie einen eingebauten Browser für webbasierte Werkzeuge. Zusätzlich gibt es eine Chrome-Erweiterung, die ChatGPT in der Seitenleiste positioniert und den Inhalt der aktuell besuchten Webseite versteht.
Ein wichtiges Sicherheitsmerkmal ist Auto-Review: Bevor ChatGPT Work sensible Aktionen ausführt, prüft ein vorgeschaltetes Modell die Entscheidung. Laut OpenAI blockierte Auto-Review während adversarial Red-Teaming-Tests 100 Prozent der Versuche, geschützte Daten zu extrahieren. Nutzer behalten zudem die Kontrolle darüber, worauf der Agent zugreift und wann er Rückfragen stellt.
Verfügbarkeit und Preisstruktur
ChatGPT Work steht ab sofort für Pro-, Enterprise- und Edu-Kunden im Web und auf Mobilgeräten zur Verfügung. Plus- und Business-Nutzer folgen in den kommenden Tagen. Die Desktop-App ist global für alle Tarife verfügbar, einschließlich des kostenlosen Plans. Die Nutzung basiert auf einem verbrauchsbasierten Modell, das sich den gleichen Pool mit Codex, ChatGPT for Excel und Workspace Agents teilt. Wie viel ein Auftrag kostet, hängt von Umfang, Komplexität und gewähltem Modell ab.
Der Launch von ChatGPT Work markiert einen strategischen Wendepunkt für OpenAI. Statt ChatGPT als reines Konversationswerkzeug zu positionieren, wird es nun zur Plattform, die aktive Arbeitsabläufe steuert. Der direkte Konkurrent ist Anthropic, das ebenfalls kurz zuvor sein Cowork-Feature für Web und Mobilgeräte veröffentlichte. Der KI-Agenten-Markt entwickelt sich rasant, und OpenAI setzt darauf, dass die Integration von Chat, Code und Arbeitsabläufen in einer einzigen App der entscheidende Vorteil wird.