Ein italienisches Unternehmen geht mit einem erschreckenden Rekord an die Börse: Bending Spoons hat 800.000 Bewerbungen erhalten und nur 286 Menschen eingestellt. Dafür schreibt mittlerweile KI 90 Prozent des Codes. Der Nasdaq hat das Geschäftsmodell mit 18,4 Milliarden Dollar bewertet.
Vom Start-up-Fehler zum Milliardengeschäft
Bending Spoons wurde 2013 in Mailand gegründet, nachdem das erste Projekt, eine KI-Tagebuch-App namens Evertale, gescheitert war. Die vier Gründer um CEO Luca Ferrari zogen eine einfache Schlussfolgerung: Markterfolg sei Glück, aber operative Exzellenz liege in der eigenen Hand. Anstatt weiter auf Produkt-Markt-Fit zu hoffen, kauften sie Unternehmen, die ihn bereits gefunden hatten.
Dabei entstand ein dreistufiger Prozess: Eine digitale Marke mit bestehender Nutzergemeinde kaufen, die Technologie von Grund auf neu schreiben, die Belegschaft drastisch reduzieren und die Monetarisierung umbauen. Über 50 Übernahmen folgten dieser Logik. Die Liste der bekannten Marken ist lang: AOL, Vimeo, Evernote, Eventbrite, WeTransfer, Meetup, Brightcove und Remini gehören zum Portfolio. Insgesamt 500 Millionen monatlich aktive Nutzer und 9 Millionen zahlende Kunden werden von einem Team bedient, das nach den Übernahmen von rund 1.830 Mitarbeitern auf wenige Hundert geschrumpft wurde.
90 Prozent KI-generierter Code als Geschäftsmodell
Die bemerkenswerteste Zahl im Börsengangsprospekt steht unter der Überschrift, wie das Unternehmen funktioniert. Im ersten Quartal 2025 waren weniger als 10 Prozent aller Code-Änderungen, sogenannte Pull Requests, von KI erstellt oder mitverfasst. Ein Jahr später, im ersten Quartal 2026, lag dieser Anteil bei über 90 Prozent. Etwa 70 Prozent der Änderungen wurden komplett von KI geschrieben, ohne menschlichen Mitautor. Der Umsatz pro Mitarbeiter stieg von 1,12 Millionen Dollar im Jahr 2023 auf 2,57 Millionen Dollar im Jahr 2025. Das Unternehmen gab zudem 78,6 Millionen Dollar an Reorganisationskosten im Jahr 2025 an.
Das Modell funktioniert finanziell: Der Umsatz verdoppelte sich auf 601 Millionen Dollar im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum Vorjahresquartal mit 259 Millionen Dollar. Nach einem Nettoverlust von 112,2 Millionen Dollar im Vorjahresquartal drehte das Unternehmen auf einen Gewinn von 27,5 Millionen Dollar. Der Börsengang am 1. Juli 2026 brachte 1,68 Milliarden Dollar ein. Die Bewertung von 18,4 Milliarden lag damit 80 Prozent über der letzten privaten Finanzierungsrunde im Oktober 2025.
Was passiert mit den Produkten?
Die offene Frage ist, was aus den Marken langfristig wird. Evernote erhielt ein KI-basiertes Version-11-Update. Vimeo wird weiterhin betrieben, aber das gesamte Video-Team wurde entlassen. Die spezifische Expertise der Menschen, die diese Plattformen aufgebaut haben, ist größtenteils verschwunden. KI-Systeme pflegen und aktualisieren nun Codebasen, die von Teams geschrieben wurden, die nicht mehr existieren.
Ob das ausreicht, hängt davon ab, ob eine Videoplattform im Wettbewerb mit YouTube und Wistia nur optimiert werden muss oder ob echtes Produkt-Inventivum gefragt ist. Bending Spoons setzt auf Ersteres. Der Nasdaq hat diese Wette mit 18,4 Milliarden Dollar bewertet. Die Gründer behalten dank einer Zwei-Klassen-Aktienstruktur 82,71 Prozent der Stimmrechte, sodass sie künftige Übernahmen ohne Zustimmung der Aktionäre beschließen können.
KI-Code als Zukunft oder Warnsignal?
Der Bending Spoons-Börsengang wirft grundlegende Fragen auf. Wenn ein Unternehmen mit 90 Prozent KI-Code und wenigen Hundert Mitarbeitern 1,3 Milliarden Dollar Jahresumsatz erreicht, was bedeutet das für Millionen von Softwareentwicklern? Gleichzeitig zeigen die Zahlen auch: Umsatzwachstum und Profitabilität lassen sich mit massivem Personalabbau und KI-Einsatz erreichen. Allerdings steht auf der anderen Seite die Frage der Produktqualität und der langfristigen Innovationsfähigkeit. Die nächsten Quartale werden zeigen, ob das Modell nur für Übernahmen funktioniert oder auch für echten Produktfortschritt.