Anthropic steigt in die Chip-Entwicklung ein
Anthropic, das Unternehmen hinter der KI-Modellfamilie Claude, unternimmt einen bemerkenswerten Schritt in Richtung Hardware-Unabhängigkeit. SK-Group-Chef Chey Tae-won hat auf einem KI-Gipfel in San Francisco bestätigt, dass Anthropic Halbleiter-Rohstoffe bei SK Hynix angefordert hat. Der Vorstoß markiert den ersten offiziellen Nachweis, dass der KI-Entwickler eigene Prozessoren bauen will.
Die Anfrage zielt auf High-Bandwidth Memory ab, jene speziellen Speicherchips, die als Flaschenhals der globalen KI-Infrastruktur gelten. SK Hynix ist Weltmarktführer für HBM und liefert bereits die entscheidenden Komponenten für Nvidias Beschleuniger. Zudem beteiligte sich SK Hynix im Mai 2026 an Anthropics Series-H-Finanzierungsrunde und sicherte sich so eine doppelte Rolle als Investor und Lieferant.
50 Milliarden Dollar für eigene Rechenzentren
Anthropics Weg zur Hardware begann im November 2025 mit einer gewaltigen Investition. Zusammen mit dem Cloud-Infrastruktur-Unternehmen Fluidstack plante das Unternehmen 50 Milliarden Dollar für den Bau von KI-Rechenzentren in Texas und New York. Diese Anlagen sollen speziell auf KI-Workloads ausgelegt werden und die Abhängigkeit von externen Cloud-Anbietern reduzieren.
Im April 2026 tauchten erste Berichte über eigene Chips auf. Die Pläne umfassen sowohl ASICs als auch GPUs, also sowohl spezialisierte als auch universelle Beschleuniger. Das Ziel ist eindeutig: weniger Abhängigkeit von Nvidia und anderen Chip-Herstellern in einer Zeit, in der Rechenleistung knapper wird als je zuvor.
Samsung und SK Hynix sichern 950 Milliarden Dollar Deals
Die Anthropic-Anfrage fällt in eine Woche massiver KI-Partnerschaften. Südkoreas Präsident Lee Jae Myung besuchte Silicon Valley und kündigte Deals im Gesamtwert von 950 Milliarden Dollar an. Samsung Electronics und SK Hynix schlossen langfristige Lieferverträge mit Nvidia, OpenAI, Anthropic und Broadcom.
Nvidia allein sicherte sich ein 500-Milliarden-Dollar-Abkommen mit SK Group. Dieses beinhaltet den Bau von Rechenzentren mit 2 Gigawatt Leistung sowie eine Ko-Entwicklung der nächsten HBM-Generation. Samsung wiederum vereinbarte ein 200-Milliarden-Dollar-MOU mit Broadcom für Speicher- und Foundry-Technologien. Die restlichen 250 Milliarden entfallen auf weitere Partnerschaften, darunter Anthropics Chip-Ambitionen.
Vertikale Integration wird zum Standard
Anthropic folgt damit einem Muster, das längst etabliert ist. Google entwickelt TPUs, Amazon baut Trainium-Chips, Meta investiert massiv in Custom-Hardware. Der Unterschied: Anthropic ist deutlich kleiner als diese Konzerne und geht dennoch das Risiko einer eigenen Chip-Entwicklung ein. Das Signal ist eindeutig: KI-Unternehmen wollen die vollständige Kontrolle über ihren Stack.
Für SK Hynix ist die Entwicklung ebenso bedeutsam. Das Unternehmen listete Anfang Juli 2026 an der Nasdaq und erzielte dabei eine Bewertung von 26,5 Milliarden Dollar. Der Börsengang unterstreicht die strategische Bedeutung von Speicherchips in der KI-Lieferkette. SK Hynix dominiert zusammen mit Samsung mehr als 70 Prozent des globalen DRAM-Marktes.
Was das für die KI-Branche bedeutet
Für KI-Nutzer und -Entwickler hat die Entwicklung direkte Konsequenzen. Wenn Anthropic eigene Chips baut, könnte das die Inferenzkosten für Claude-Modelle mittelfristig senken. Gleichzeitig erhöht es den Wettbewerb in einem Markt, der von Nvidias Preisgestaltung dominiert wird.
Allerdings birgt der Schritt auch Risiken. Chip-Design ist kapitalintensiv, und die Zeit von der Idee bis zum ersten funktionsfähigen Chip kann Jahre betragen. Ob Anthropic ausreichend Ressourcen und Expertise aufbauen kann, um mit etablierten Halbleiterfirmen zu konkurrieren, bleibt offen. Die Anfrage bei SK Hynix zeigt jedoch: Das Unternehmen ist bereit, beträchtliche Summen in die Hardware-Unabhängigkeit zu investieren.