Anthropic überholt OpenAI bei KI-Unternehmensnutzung

von Marcel Buchholz 17. Mai 2026 3 Min. Lesezeit News, KI & Wirtschaft

Zum ersten Mal seit Beginn des KI-Wettlaufs nutzen mehr amerikanische Unternehmen Anthropic statt OpenAI. Das zeigt der aktuelle Ramp AI Index für Mai 2026. Anthropic erreicht 34,4 Prozent der Unternehmen, während OpenAI auf 32,3 Prozent fällt. Damit hat sich das Kräfteverhältnis im Markt für künstliche Intelligenz endgültig verschoben.

Anthropic vervierfacht Unternehmensnutzung innerhalb eines Jahres

Der Aufstieg von Anthropic ist bemerkenswert. Im April 2025 lag der Anbieter noch bei knapp 8 Prozent. Innerhalb von nur zwölf Monaten ist dieser Wert auf 34,4 Prozent geklettert. Das entspricht einer Vervierfachung. OpenAI hingegen wuchs im gleichen Zeitraum um magere 0,3 Prozentpunkte. Zudem sank die Adoption im April um 2,9 Prozent. Die Daten stammen von Ramp, einer Plattform für Unternehmensfinanzen, die Ausgabenmuster von mehr als 50.000 US-Firmen auswertet.

Dabei war die Ausgangslage klar: OpenAI dominierte den Markt dank ChatGPT als erster KI-Erfahrung für die meisten Nutzer. Diese Konsumgewohnheit trug lange in Unternehmensentscheidungen. Jedoch kehrte sich der Trend Anfang 2026 komplett um. Im Februar gewann Anthropic rund 70 Prozent der direkten Vergleichsentscheidungen bei Unternehmen, die erstmals KI kauften.

Claude Code als Wachstumsmotor

Hinter dem Aufstieg steht ein einziges Produkt: Claude Code. Das agentische KI-Coding-Tool ist das am schnellsten wachsende Produkt in der Geschichte von Anthropic. Schätzungen zufolge stammen mittlerweile 4 Prozent aller öffentlichen GitHub-Commits weltweit von Claude Code. Das ist eine Verdopplung innerhalb eines Monats. Entwickler nutzen das Tool intensiv, weil es Code nicht nur vorschlägt, sondern eigenständig schreibt und ausführt.

Zudem verlagert sich die KI-Unternehmensnutzung von reinen Chatbots hin zu agentischen Werkzeugen. Claude Code passt genau in diesen Trend. Unternehmen setzen zunehmend auf KI, die Aufgaben selbstständig erledigt, statt nur auf Fragen zu antworten.

Gesamtadoption klettert über 50 Prozent

Der Ramp AI Index zeigt noch einen weiteren Meilenstein: Die gesamte KI-Unternehmensnutzung in den USA hat die 50-Prozent-Marke geknackt. Aktuell nutzen 50,6 Prozent der beobachteten Unternehmen KI-Dienste. Eine parallele Gallup-Umfrage bestätigt den Trend. Zum ersten Mal geben 50 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer an, KI mindestens gelegentlich zu nutzen. Dreizehn Prozent verwenden sie sogar täglich.

Allerdings bleibt die Produktivitätsrevolution aus. Nur etwa einer von zehn Beschäftigten in KI-nutzenden Organisationen gibt an, dass KI die Arbeitsweise grundlegend verändert hat. Das deckt sich mit Studien aus den USA, Grossbritannien, Deutschland und Australien. Führungskräfte berichten minimalen Produktivitätszuwachs durch KI. Die Lücke zwischen Hype und operativer Realität bleibt also gross.

Drei Risiken für Anthropic trotz Führungsposition

Der Ramp-Bericht warnt ausdrücklich vor einem frühen Sieger. Drei konkrete Risiken bedrohen die Spitzenposition von Anthropic. Das ernsteste Problem liegt im eigenen Geschäftsmodell. Anthropic verdient mehr, wenn Unternehmen mehr Tokens kaufen. Das Unternehmen hat also einen Anreiz, Nutzer zu teureren Modellen zu drängen, selbst wenn günstigere ausreichen.

Diese Dynamik führt bereits zu Budgetkrisen. Der CTO von Uber veröffentlichte, dass das Unternehmen sein gesamtes KI-Budget 2026 in nur vier Monaten verbraucht hat. Haupttreiber waren Claude Code und Cursor. Ingenieure gaben monatlich zwischen 500 und 2.000 Dollar pro Person für API-Kosten aus. Die Nutzung kletterte von 32 auf 84 Prozent der Uber-Entwickler. Etwa 70 Prozent des committeten Codes bei Uber stammt mittlerweile von KI.

Der zweite Risikofaktor sind Rechenkapazitäten. Claude Code verbraucht erheblich mehr Compute als herkömmliche Chat-Schnittstellen. Wenn die Nutzerzahlen weiter steigen, könnten Engpässe entstehen. Der dritte Faktor ist die tokenbasierte Preisstruktur selbst. Sie treibt zwar den Umsatz, schafft aber auch ein strukturelles Problem. Unternehmen könnten bei steigenden Kosten auf günstigere Alternativen ausweichen.

Was der Wechsel für den KI-Markt bedeutet

Die Ablösung von OpenAI durch Anthropic ist mehr als ein statistischer Meilenstein. Sie zeigt, dass der Markt für Unternehmens-KI in Bewegung ist. Konsumentenpräferenzen sind nicht mehr automatisch maßgeblich für Unternehmensentscheidungen. Agentische Werkzeuge gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig deutet der Uber-Fall auf ein strukturelles Problem hin: Wenn ein Tool zu gut funktioniert, sprengt es die Budgets.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob Anthropic seine Führungsposition halten kann. OpenAI arbeitet unterdessen an einer Gegenoffensive, die auf tiefe Unternehmensintegration setzt. Der Kampf um die Unternehmensnutzung ist somit erst richtig entbrannt.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.