Anthropic Sekundärmarkt: 1,2 Billionen Dollar und niemand will verkaufen

von Marcel Buchholz 10. Juli 2026 3 Min. Lesezeit News

Anthropics Bewertung explodiert auf dem Sekundärmarkt

Anthropic erreicht eine Bewertung von 1,2 Billionen Dollar auf dem Sekundärmarkt. Allerdings gibt es ein Problem: Niemand will seine Aktien verkaufen. Das Unternehmen hat damit OpenAI überholt, das auf denselben Plattformen bei 908 Milliarden Dollar gehandelt wird. Der Anstieg um 550 Prozent innerhalb eines Jahres zeigt, wie sehr Investoren hinter der KI-Firma hinterher sind.

Javier Avalos, Mitgründer und CEO von Caplight, einer Handelsplattform für sekundäre Aktien, bringt es auf den Punkt: „Anthropic ist das begehrteste Unternehmen, das der Sekundärmarkt je gesehen hat.“ Glen Anderson, CEO von Rainmaker Securities, bestätigt Transaktionen bei 1,2 Billionen Dollar. Allerdings sind Geschäfte selten, weil es kaum Verkäufer gibt.

Knappheit treibt die Preise in die Höhe

Der Preis steigt nicht nur wegen starker Fundamentaldaten. Vielmehr ist es die Struktur des Marktes, die die Bewertung nach oben treibt. Auf Sekundärmärkten können Aktien nur gehandelt werden, wenn Mitarbeiter oder frühe Investoren bereit sind, sie abzugeben. Genau das passiert kaum. Die Folge: Ein extrem kleines Angebot trifft auf eine gigantische Nachfrage.

Manche Käufer gehen ungewöhnliche Wege. Es gab bereits Angebote, Immobilien gegen Anthropic-Aktien zu tauschen. Anderson beschreibt die Situation drastisch: „Wenn ich alle Anthropic-Geschäfte abschließen könnte, die ich auf dem Tisch habe, würde ich nicht mit Ihnen reden. Ich läge am Strand.“ Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem.

SPV-Geschäfte trotz Warnungen des Unternehmens

Die meisten Transaktionen laufen über sogenannte Special Purpose Vehicles, kurz SPVs. Diese Konstrukte bündeln Kapital mehrerer Käufer für ein einziges Geschäft. Anthropic selbst warnt jedoch auf seiner Website davor. Das Unternehmen schreibt: „Wenn Ihnen jemand eine Möglichkeit anbietet, indirekt in Anthropic zu investieren, gehen Sie davon aus, dass sie ungültig ist.“

Trotz dieser Warnung bleibt die Nachfrage enorm. Avalos erklärt, dass der Großteil des Angebots über SPV-Strukturen läuft, die das Unternehmen offen ablehnt. Viele dieser Konstrukte kommen mit hohen Gebühren. Die Kluft zwischen Käuferwille und Verkäuferbereitschaft wird dadurch nicht kleiner.

OpenAI holt bei der Nachfrage auf

Zwar führt Anthropic weiterhin die Nachfrage an mit fünf Käufern auf jeden zwei, die OpenAI-Aktien suchen. Jedoch hat OpenAI in den letzten Wochen deutlich an Dynamik gewonnen. Der Grund dafür ist die Veröffentlichung der GPT-5.6-Modellreihe mit dem neuen Flaggschiff „Sol“ und dem kostengünstigen „Terra“.

Ein Händler berichtet: „Vor einem Monat gab es kaum Nachfrage nach OpenAI. Jetzt wird OpenAI wieder deutlich häufiger nachgefragt.“ Die Marktdynamik verschiebt sich, aber Anthropic bleibt vorne.

Was die Bewertung wirklich bedeutet

Die 1,2 Billionen Dollar sind keine offizielle Unternehmensbewertung. Es handelt sich um illiquide Minderheitspositionen ohne Stimmrechte und ohne garantierte Liquidität. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn die Zahl hat sich extrem schnell bewegt. Vor drei Monaten durchbrach Anthropic erstmals die Billionen-Dollar-Marke auf dem Sekundärmarkt.

Anthropic selbst hat im Mai eine Series-H-Finanzierungsrunde mit einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar abgeschlossen. Im Juni hat das Unternehmen vertraulich einen Börsengang bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Ein Zeitplan für den IPO steht noch nicht fest.

Menlo Ventures-Partner Matt Murphy, ein früher Anthropic-Investor, hält Sekundärmarktbewertungen für ein „verrauschtes Signal“. Dennoch versteht er den Hype. Die Umsatzzahlen, die Anthropic vor der SEC-Schweigefrist veröffentlicht hat, lagen deutlich über den Planungen für das gesamte Jahr. Der Börsengang wird zeigen, ob die 1,2 Billionen einem offenen Markt standhalten.

Der IPO als eigentliche Bewährungsprobe

Die 550-Prozent-Steigerung sagt weniger über den tatsächlichen Wert von Anthropic aus als über die Knappheit der verfügbaren Aktien. Sobald das Unternehmen an die Börse geht und diese Knappheit verschwindet, beginnt der echte Test. Kann die Bewertung von 1,2 Billionen Dollar einem offenen Markt standhalten, bei dem jeder kaufen und verkaufen kann?

Bis dahin bleibt der Sekundärmarkt ein Markt der Ungeduldigen. Investoren wollen Teil des KI-Booms sein und zahlen immer höhere Preise für immer weniger verfügbare Aktien. Anthropic profitiert von einem Markt, den es weder kontrolliert noch leicht überwachen kann. Wenn der IPO kommt, fällt die Illusion der Knappheit weg. Dann zählen nur noch echte Fundamentaldaten.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.