Zwei der mächtigsten KI-Unternehmen der Welt treiben gegensätzliche KI-Regulierungsstrategien voran. Anthropic fordert schärfere KI-Gesetze in einzelnen US-Bundesstaaten. OpenAI drängt auf ein einheitliches Bundesgesetz, das alle Landesgesetze ersetzt. Beide gehen im vierten Quartal an die Börse. Der Ausgang dieses Konflikts bestimmt, wie KI in den USA reguliert wird.
Was Anthropic will und warum
Anthropic unterstützt aktiv Gesetzgebungsverfahren in vier Bundesstaaten. In Kalifornien befürwortet das Unternehmen den SB 53, der Sicherheitsprüfungen und Risikobewertungen für Frontier-Modelle vorschreibt. In New York steht Anthropic hinter dem RAISE Act, der Transparenzpflichten für KI-Training-Daten einführt. Illinois SB 315 und der Massachusetts Transparency Bill erhalten ebenfalls Unterstützung aus dem Lager um Dario Amodei.
Dahinter steckt ein kommerzieller Kalkül. Anthropic verfügt bereits über eine Responsible Scaling Policy, die Dokumentations- und Risikobewertungspflichten erfüllt, die diese Gesetzentwürfe fordern. Die vorgeschlagenen Regeln kosten Anthropic praktisch nichts, weil das Unternehmen sie bereits umsetzt. Für Konkurrenten ohne vergleichbare interne Standards bedeutet jeder neue Gesetzesaufwand hingegen echte Kosten. Kurz gesagt: Die staatlichen Gesetze fungieren als Burggraben.
OpenAI setzt auf Washington
OpenAI verfolgt die entgegengesetzte Strategie. Das Unternehmen wirbt für einen einheitlichen Bundesrahmen, der alle Landesgesetze zur KI-Regulierung ersetzt. Chris Lehane, OpenAIs Vizepräsident für globale Angelegenheiten, argumentiert, dass ein Flickenteppich aus 50 verschiedenen staatlichen Regelungen Investitionen behindert und Entwickler verwirrt. Der Great American AI Act, ein Diskussionsentwurf von Repräsentant Jay Obernolte und Rep. Lori Trahan, würde genau das umsetzen: Er überstimmt staatliche Gesetze zur Modellentwicklung, lässt aber landesrechtliche Regelungen zur Anwendung und Nutzung bestehen.
Allerdings hat dieser Ansatz einen Haken. Die Trump-Verwaltung signalisierte im Dezember 2025 per Executive Order, dass Bundesbehörden staatliche KI-Gesetze als Hindernisse für nationale Innovationspolitik anfechten sollen. OpenAI setzt also auf denselben Washington, der gleichzeitig die Regulierung seines eigenen Produkts behindert. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Kalkül: Ein schwaches Bundesgesetz, das landesrechtliche Standards blockiert, ist für ein schnell wachsendes Unternehmen besser als starke staatliche Gesetze, die es einhalten muss.
Was der Great American AI Act tatsächlich vorsieht
Der Gesetzentwurf ist kein Manifest, sondern ein konkreter legislativer Text. Er fordert von Frontier-Entwicklern die Veröffentlichung von KI-Rahmenwerken, die Erstellung von Transparenzberichten, die Nutzung unabhängiger Prüforganisationen und die Meldung kritischer Sicherheitsvorfälle. Zudem regelt er Hingeberschutz, KI-gestützten Betrug, Arbeitsmarktdaten, KI-Bildung, Cybersicherheit und internationale Standards.
Die vorgeschlagene Bundespräemption gilt nur für die Modellentwicklung, nicht für Anwendung, Nutzung oder allgemeine Gesetze. Das bedeutet: Kaliforniens SB 53 wäre hinfällig, soweit er die Entwicklung von Modellen regelt. Seine Bestimmungen zu Transparenz und Verbraucherschutz bei der Nutzung könnten jedoch bestehen bleiben. Diese Trennung ist umstritten, weil die Grenze zwischen Entwicklung und Anwendung bei KI-Modellen verschwimmt. Ähnliche Probleme kennt Deutschland bereits aus der Umsetzung des EU AI Act, wo die Grenze zwischen Hochrisiko-Systemen und allgemeinen KI-Anwendungen ebenfalls schwer zu ziehen ist.
Warum IPOs die Strategie beeinflussen
Beide Unternehmen planen Börsengänge im vierten Quartal 2026. Regulierungsstrategie ist damit Teil der Investor-Relations-Kommunikation. Eine Anthropic-S1, die die Gesetze unterstützt, die das Unternehmen ohnehin einhält, positioniert Sicherheit als Differenzierungsmerkmal. Eine OpenAI-S1, die auf Bundespräemption setzt, signalisiert Vertrauen in den Washington-Zugang.
Die Frage für Investoren lautet: Wer trägt höheres Regulierungsrisiko? Wenn Kaliforniens SB 53 vor einem der beiden Börsengänge verabschiedet wird, lautet die Antwort für Anthropic schlicht: keine Änderung, wir machen das bereits. Für OpenAI lautet sie: wir arbeiten mit der Regierung an einem Bundesrahmen. Beide Antworten sind ehrlich. Aber nur eine ist berechenbar. Das zeigt auch die Erfahrung aus Illinois, wo Anthropic bereits aktiv Gesetzgebungsverfahren unterstützt hat.
Was Deutschland und die EU davon lernen können
Der US-Konflikt zwischen Bundes- und Landesrecht hat eine direkte Parallele in der EU. Der EU AI Act setzt einen unionsweiten Rahmen, aber Mitgliedsstaaten setzen ihn unterschiedlich um. Deutschland hat noch keinen eigenen Ausführungsgesetz vorgelegt. Wenn die US-Erfahrung etwas zeigt, dann dies: Freiwillige Standards reichen nicht aus. Selbst OpenAI, das am meisten von schwachen Regeln profitiert, fordert inzwischen Bundesregelungen. Die Frage ist nur, wer die Regeln schreibt und wessen Interessen sie schützen.
Für europäische Beobachter ist zudem interessant, dass Anthropic proaktiv staatliche Gesetzgebungsverfahren unterstützt, anstatt auf einen Bundesrahmen zu warten. Das ist ein Modell, das europäische KI-Unternehmen bisher nicht verfolgt haben. Wenn die Logik funktioniert, also wenn Unternehmen, die bereits hohe Standards einhalten, regulatorische Anforderungen als Wettbewerbsvorteil nutzen, dann könnte sich das auch in der EU wiederfinden. Der G7-KI-Gipfel in Évian hat gezeigt, dass die Debatte über KI-Regulierung global wird, auch wenn die Antworten regional bleiben.