Anthropic baut eigenen KI-Chip: Samsungs 2nm-Fertigung für Claude-Rechenleistung

von Marcel Buchholz 04. Juli 2026 3 Min. Lesezeit KI & Wirtschaft

Anthropic verhandelt mit Samsung über die Produktion eines eigenen KI-Chips im 2nm-Prozess. Der Schritt könnte die Abhängigkeit von Nvidia reduzieren und Samsungs Foundry-Geschäft auf ein neues Level heben. Doch das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen.

Was genau geplant ist

Anthropic, das Unternehmen hinter Claude, führt laut einem Bericht von The Information Gespräche mit Samsung Electronics über die Herstellung eines maßgeschneiderten KI-Chips. Konkret geht es um Samsungs 2nm-Fertigungsprozess und die dazugehörige Advanced-Packaging-Infrastruktur. Noch gibt es keinen finalen Entwurf, keine Leistungsspezifikationen und keinen Produktionszeitplan. Drei mit der Sache vertraute Quellen bestätigen jedoch, dass die Gespräche laufen.

Bedeutend ist vor allem eine Personalie: Anthropic hat Anfang Juni Clive Chan eingestellt. Chan war der zweite Ingenieur überhaupt, der OpenAIs Custom-Chip-Team beigetreten ist, und hat dort den Broadcom-Inferenz-Beschleuniger mitentwickelt, den OpenAI Ende Juni als Jalapeño vorgestellt hat. Seine Erfahrung im Chip-Design von der Softwareseite bis zur Hardware macht ihn zu einem Schlüsselspieler für Anthropics eigene Silikon-Ambitionen.

Warum Samsung und nicht TSMC

Samsung bringt zwei Vorteile in die Verhandlungen. Erstens die finanzielle Verbindung: Das Unternehmen hat sich im Mai an Anthropics Series-H-Finanzierungsrunde beteiligt, alongside SK Hynix und Micron, als strategischer Infrastrukturpartner. Zweitens ist Samsung der einzige dieser drei Speicherhersteller mit einer eigenen Foundry-Sparte. SK Hynix und Micron bauen Speicherchips. Samsung baut Speicher und fertigt fremde Chip-Designs in eigenen Fabriken.

Dazu kommt die Geopolitik. Ein Chip, der in Samsungs Fabriken in Südkorea oder im texanischen Taylor hergestellt wird, unterliegt südkoreanischer und US-amerikanischer Jurisdiktion. Für ein Unternehmen wie Anthropic, das Unternehmensdaten im großen Maßstab verarbeitet, ist diese regulatorische Klarheit ein echter Vorteil gegenüber möglichen Alternativen.

Inferenz statt Training

Anthropics Chip-Ambitionen zielen nicht auf das Training von Modellen ab, wo Nvidias GPUs weiterhin dominieren. Es geht um Inferenz: die kontinuierliche Bereitstellung von Claudes Antworten für Millionen von Nutzern. Ein maßgeschneiderter Inferenz-Chip kann die Overhead-Kosten general-purpose-Hardware eliminieren und jeden Transistor auf eine einzige Aufgabe konzentrieren. OpenAIs Jalapeño-Chip soll laut Broadcom-CEO Hock Tan rund 50 Prozent Kosteneinsparung bei Inferenz-Workloads bringen. Anthropic strebt offenbar nach ähnlichen Effizienzgewinnen.

Allerdings sind die Risiken erheblich. Custom-Chip-Projekte kosten Hunderte Millionen Dollar und dauern oft Jahre bis zur Produktionsreife. Samsungs Foundry-Sparte hat in den vergangenen Jahren Verluste eingefahren und kämpft mit Ausbeuteproblemen bei fortschrittlichen Knoten. Der Präsident der Foundry-Sparte, Han Jin-man, sagte Mitarbeitern im vergangenen Monat, dass das Geschäft bis 2028 profitabel sein könnte. Ein Großauftrag von Anthropic könnte diesen Zeitplan beschleunigen.

Der OpenAI-Kontext

Dass Anthropic jetzt aktiv wird, hat auch mit der Konkurrenz zu tun. Samsung hatte zuvor einen Custom-Chip für OpenAI entwickelt, einen ARM-basierten Inferenz-Prozessor. Diese Gespräche stockten jedoch im Frühsommer 2026 wegen strategischer Differenzen. OpenAI-Chef Sam Altman soll eine geplante Reise nach Seoul abgesagt haben. Wenn Samsung nun die frei gewordene 2nm-Kapazität und Ingenieurskapazität Richtung Anthropic umleitet, verdoppelt sich der Wettbewerbsvorteil. Anthropic bekommt einen Foundry-Partner mit frischer Erfahrung im KI-Inferenz-Design. Samsung bekommt einen Vorzeigekunden in einem kritischen Moment.

Anthropic betonte gegenüber TechCrunch, dass eine diversifizierte Hardware-Strategie mit Chips von Google, Amazon und Nvidia weiterhin im Zentrum stehe. Ein eigener Chip wäre jedoch ein zusätzlicher Kontrollhebel über die Infrastruktur, auf der Claude läuft. Mit einem annualisierten Umsatz von über 30 Milliarden Dollar und einem langfristigen Vertrag über 3,5 Gigawatt TPU-Rechenleistung ab 2027 hat Anthropic das finanzielle Fundament, um eigene Silikon-Ambitionen ernsthaft zu verfolgen.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.