Amazon fährt eigene KI-Modelle zurück: Nova-Ära geht zu Ende
Amazon schließt sein AGI Lab und stellt die meisten eigenen Nova-Modelle auf Minimalbetrieb um. Stattdessen setzt der Konzern auf eine neue Frontier-Strategie unter Pieter Abbeel und investiert Milliarden in externe KI-Partnerschaften. Der Kurswechsel markiert das Ende einer ambitionierten Ära und zeigt, wie schnell sich die KI-Landschaft verändert.
AGI Lab dicht: Amazon verabschiedet sich vom Alleingang
Bis vor wenigen Wochen galt das AGI Lab in San Francisco als Amazons Speerspitze im Wettlauf um künstliche Allgemeinintelligenz. Das Labor war Ende 2024 gegründet worden, nachdem Amazon das Team hinter dem KI-Startup Adept übernommen hatte. Adept-Mitgründer David Luan leitete die Gruppe, die sich auf langfristige KI-Forschung konzentrierte. Doch Luan verließ Amazon bereits im Februar 2026. Jetzt wurde das gesamte Lab geschlossen, wie Business Insider und The Next Web übereinstimmend berichten. Die Schließung ist Teil umfassender Entlassungen in Amazons AGI-Organisation, die Reuters erstmals dokumentierte. Zudem führte die Einheit ein eigenes Vergütungssystem, um im Wettbewerb um KI-Talente mithalten zu können. Dieser Sonderstatus ist nun Geschichte.
Nova-Modelle im KTLO-Modus: Was das bedeutet
Betroffen vom Umbau sind gleich mehrere Flaggschiff-Modelle. Amazon stuft seine hochpreisigen Nova Premier und Nova Omni Modelle, den Videogenerator Nova Reel und den Bildgenerator Nova Canvas auf sogenannten KTLO-Betrieb herunter. KTLO steht für „keep the lights on“ und bedeutet, dass die Modelle für bestehende Kunden weiterhin verfügbar bleiben, aber keine Weiterentwicklung mehr erfahren. Intern beschreiben Mitarbeiter diese Situation als unglaublich frustrierend, da es kaum Leitlinien für die langfristige Zukunft der Nova-Modelle gibt. Übrig bleiben lediglich Nova 2 Sonic und Nova 2 Lite als Grundlagenmodelle, der Anpassungsdienst Nova Forge sowie der KI-Agent Nova Act.
Pieter Abbeel übernimmt: Neue Frontier-Strategie
An die Stelle der breit gefächerten Modell-Strategie tritt eine deutlich fokussiertere Ausrichtung. Die sogenannte Frontier Model Research-Gruppe unter der Leitung von Pieter Abbeel rückt in den Mittelpunkt. Abbeel, Professor an der UC Berkeley, kam durch die Übernahme des Robotik-Startups Covariant zu Amazon. Seine Gruppe entwickelt ein neues Flaggschiff-Modell, das voraussichtlich auf der re:Invent-Konferenz im Herbst vorgestellt wird. Möglich, dass es unter dem bestehenden Nova-Label auf den Markt kommt. Verantwortlich für diesen Strategiewechsel ist Peter DeSantis, Senior Vice President für grundlegende KI-Modelle, kundenspezifische Chips und Quantencomputing. DeSantis verfolgt einen deutlich engeren Fokus als sein Vorgänger Rohit Prasad, der mehrere Modellfamilien parallel entwickelte.
OpenAI und Anthropic: Die externen Milliarden-Partnerschaften
Während Amazon die eigenen Modelle zurückschraubt, öffnet der Konzern seine Cloud-Plattform für die Konkurrenz. Die Partnerschaft mit OpenAI umfasst 38 Milliarden Dollar über mehrere Jahre. OpenAI betreibt seine Arbeitslasten auf Amazon EC2 UltraServern mit Hunderttausenden Nvidia-GPUs. Seit Juni 2026 sind GPT-5.5, GPT-5.4 und Codex auf Amazon Bedrock allgemein verfügbar. Noch tiefer verwurzelt ist die Verbindung zu Anthropic. Amazon hat insgesamt rund 13 Milliarden Dollar in das Startup investiert. Im Gegenzug verpflichtete sich Anthropic, über zehn Jahre mehr als 100 Milliarden Dollar auf AWS-Infrastruktur auszugeben. Zusätzlich sicherte Amazon bis zu 5 Gigawatt Rechenkapazität für Claudes wachsenden Bedarf. Ähnlich wie bei Alphabets Anthropic-Wette von 124 Milliarden Dollar zeigt sich hier ein Kreislauf aus Investitionen und Cloud-Ausgaben. Daher überrascht der Rückzug von eigenen Modellen nicht wirklich. Amazon verdient sein Geld mit Infrastruktur, nicht mit den schlauisten Modellen.
Strategiewechsel oder strategische Notbremse?
Die Frage bleibt, ob Amazon freiwillig den Kurs ändert oder ob der Druck der Realität zum Handeln zwingt. Die eigenen Nova-Modelle konnten im Wettbewerb gegen GPT-5, Claude und Gemini kaum überzeugen. Die Frontier-Konkurrenz war schlicht zu stark. Auch Googles KI-Cashflow kollabiert unter 44,9 Milliarden Capex, was zeigt, dass selbst Tech-Giganten mit eigenen Modellen kämpfen. Gleichzeitig zeigt der Umbau, dass Amazon eine klare Entscheidung getroffen hat: Lieber Partner für die besten fremden Modelle sein, als zweitklassige eigene Modelle produzieren. Für Kunden bedeutet das mehr Auswahl auf AWS, aber auch weniger Unabhängigkeit von OpenAI und Anthropic. Ob ein einziges neues Frontier-Modell ausreichen wird, um im härter werdenden Markt bestehen zu können, wird sich auf der re:Invent zeigen.