Alibaba sperrt Claude Code: Heimlicher Fingerabdruck entfacht KI-Krieg

von Marcel Buchholz 04. Juli 2026 3 Min. Lesezeit KI-Ethik

Ab dem 10. Juli dürfen Alibaba-Mitarbeiter Claude Code nicht mehr bei der Arbeit nutzen. Der chinesische Tech-Riese stuft das Programmierwerkzeug von Anthropic als Sicherheitsrisiko ein. Ein interner Hinweis, den die South China Morning Post einsehen konnte, spricht von einer Hintertür, die Nutzer aus China heimlich markiert habe. Damit erreicht der Konflikt zwischen zwei KI-Giganten eine neue Eskalationsstufe.

Was genau war in Claude Code versteckt?

Ein Reddit-Nutzer namens LegitMichel777 hatte am 30. Juni aufgedeckt, dass Claude Code seit Version 2.1.91 aus dem April 2026 einen versteckten Mechanismus enthielt. Dieser prüfte heimlich die Proxy-Konfiguration und Zeitzone eines Nutzers. Erkannte das Tool eine Übereinstimmung mit einer internen Liste chinesischer KI-Unternehmen, veränderte es das Datumsformat und tauschte ein Satzzeichen im System-Prompt aus. Der Effekt: Ein unsichtbarer Fingerabdruck, der Anthonys Servern signalisierte, ob der Nutzer aus China stammt oder mit einem chinesischen KI-Lab verbunden ist.

Diese Liste umfasste unter anderem Alibaba, Baidu, ByteDance und Moonshot AI. Anstatt Nutzer offen zu informieren, versteckte Anthropic die Erkennung hinter XOR-Verschlüsselung und Base64-Kodierung. Zudem gab es ein Flag namens ANTI_DISTILLATION_CC, das gefälschte Werkzeugdaten in API-Anfragen injizierte, um die Ergebnisse für das Training konkurrierender Modelle unbrauchbar zu machen.

Anthonys Erklärung und die Folgen

Thariq Shihipar, ein Claude-Code-Ingenieur bei Anthropic, erklärte am 1. Juli auf X, dass es sich um ein Experiment zur Bekämpfung von Account-Wiederverkauf und Destillation handele. Das Entfernen des Codes wurde noch am selben Tag in Aussicht gestellt. Allerdings blieb der Mechanismus rund drei Monate lang aktiv, bevor er aufgedeckt wurde.

Zudem hat Anthropic bisher nicht öffentlich beantwortet, ob die heimliche Nutzerüberwachung in den Nutzungsbedingungen erwähnt wurde. Auch die Frage, welche stärkeren Schutzmaßnahmen inzwischen implementiert wurden, blieb offen. Die Lücke zwischen Anthonys Sicherheitsansprüchen und dem heimlichen Code wirft grundlegende Vertrauensfragen auf.

Alibabas Reaktion und der Destillationsvorwurf

Alibabas Sperre ist nicht nur eine Vorsichtsmaßnahme. Sie ist auch eine Reaktion auf den umgekehrten Vorwurf. Anthropic hatte bereits am 10. Juni in einem Brief an den US-Senat Operatoren beschuldigt, die mit Alibabas Qwen-Lab verbunden sind, fast 25.000 gefälschte Accounts betrieben zu haben. Damit sollen über 28,8 Millionen Claude-Abfragen zwischen dem 22. April und dem 5. Juni generiert worden sein, um Claudes Fähigkeiten abzuleiten. Diese Kampagne übertraf drei frühere Destillationsangriffe zusammen, die Anthropic DeepSeek, Moonshot und MiniMax zugeschrieben hatte.

Alibaba hat sich zu keinem der beiden Vorwürfe öffentlich geäußert. Dennoch zeigt das Timing, wie eng Überwachung und Destillation mittlerweile zusammenhängen. Anthropic spioniert heimlich chinesische Nutzer aus, um Destillation zu verhindern. Alibaba wirft Anthropic Spionage vor und sperrt das Werkzeug. Beide Seiten rechtfertigen ihr Handeln mit Sicherheit, während Nutzer den Schaden tragen.

Meta sperrt ebenfalls und die breitere Dimension

Alibaba ist nicht das einzige Unternehmen, das Claude Code einschränkt. Meta hat Claude Code und OpenAIs Codex intern ebenfalls blockiert, aus Sorge vor Destillation. Die Befürchtung: KI-Programmierwerkzeuge könnten Quellcode und interne Abläufe an Konkurrenten weitergeben.

Der Konflikt zeigt ein strukturelles Problem der KI-Branche. Wenn Unternehmen heimlich Nutzer überwachen und gleichzeitig behaupten, Sicherheit zu priorisieren, bricht das Vertrauen auf beiden Seiten zusammen. Anthonys Destillationsvorwürfe gegen Alibaba mögen berechtigt sein. Aber heimliche Fingerabdrücke in Entwicklertools sind kein akzeptables Mittel, um sie durchzusetzen.

Was bedeutet das für die KI-Branche?

Die Sperre bei Alibaba trifft ein Unternehmen mit über 200.000 Mitarbeitern. Claude Code war eines der am schnellsten wachsenden Enterprise-Produkte von Anthropic. Der Vertrauensverlust könnte weit über China hinausreichen. Wenn Entwickler nicht mehr wissen können, ob ihr KI-Tool heimlich Daten über sie sammelt, sinkt die Bereitschaft, solche Werkzeuge überhaupt einzusetzen.

Gleichzeitig verschärft der Streit die geopolitischen Spannungen im KI-Sektor. Die US-Regierung hat mit der Fable-5-Blockade bereits gezeigt, dass sie KI-Exportkontrollen ernst nimmt. Anthonys Schließung chinesischer Zugangs-Umwege, über die die Financial Times berichtete, ist Teil derselben Bemühungen. Doch wenn Überwachung und Gegemaßnahmen immer weiter eskalieren, bleiben die eigentlichen Nutzer auf der Strecke.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.