600.000 Menschen filmen sich beim Putzen: Chinas Roboter-Datenhunger

von Marcel Buchholz 09. Juni 2026 3 Min. Lesezeit News

In der chinesischen Stadt Suqian passiert etwas Ungewöhnliches. Tausende Hausfrauen und Fabrikarbeiter tragen kleine Kameras auf dem Kopf, während sie Wäsche falten, Gemüse schneiden oder Schuhe ordnen. Was wie ein seltsamer Trend klingt, ist tatsächlich die weltweit größte Datensammelaktion für humanoide Roboter. Der Online-Händler JD.com treibt das Projekt voran und will in zwei Jahren 10 Millionen Stunden Videomaterial aus echten Haushalten sammeln. Dafür mobilisiert das Unternehmen bis zu 600.000 Menschen.

Warum Roboter Videos von Hausarbeiten brauchen

Humanoide Roboter können noch nicht selbstständig in einer Wohnung funktionieren. Das Problem ist nicht der Motor, sondern die Daten. Bisher trainierten Entwickler ihre Maschinen per Teleoperation, also indem Menschen Roboter per Fernsteuerung durch Bewegungen führten. Allerdings ist dieser Ansatz teuer und langsam. Zudem lernen Roboter so nur eine einzige Umgebung kennen und scheitern in fremden Wohnungen.

Deshalb setzt die Branche inzwischen auf sogenannte egocentrische Daten, also Videoaufnahmen aus der Ego-Perspektive. Eine Kamera auf dem Kopf filmt die Hände bei der Arbeit. Solche Aufnahmen zeigen echtes menschliches Verhalten in echten Umgebungen. Folglich können KI-Modelle daraus lernen, wie man eine Tasse greift oder ein Handtuch zusammenlegt.

JD.com baut eine Daten-Stadt in Suqian

JD.com, gegründet von Richard Liu, betreibt in dessen Heimatstadt Suqian ein ganzes Wohnviertel als Datensammelzone. Eine 4.000 Quadratmeter große Anlage bildet fünf Szenarien nach: Supermarkt, Lagerhalle, Altenpflege, Haushalt und Fabrik. Bewohner verdienen bis zu 20 Yuan pro Stunde, umgerechnet knapp drei Euro, während sie ihre normalen Tätigkeiten aufnehmen.

Gao Bo, eine Hausfrau aus der Provinz Shandong, filmt sich sechs Stunden täglich bei der Hausarbeit. Ihr Apartment ist mittlerweile makellos sauber, weil sie jeden Tag wieder putzt. Niemand hat ihr jemals zuvor für Kochen und Wäschewaschen bezahlt, sagt sie. Das Kopfkamera-Gerät wiegt nur 220 Gramm und zeichnet mit 4K-Auflösung auf.

Chinas Daten-Vorteil im Roboter-Wettlauf

US-Unternehmen kämpfen mit hohen Arbeitskosten und lagern die Datenerhebung in Entwicklungsländer aus. China hingegen kann riesige Mengen lokal sammeln, weil die Arbeit dort deutlich günstiger ist. Marco Wang, ein Robotik-Analyst bei Interact Analysis, betont: Bei Hardware und dem Daten-Ökosystem führt China, während die USA bei Talent und Modellen vorne liegen.

Zudem unterstützt die chinesische Regierung die Entwicklung aktiv. Fabriken in der Provinz Guangdong kooperieren bereits mit Datenlieferanten, die Mitarbeitern Kameras und Handgelenks-Sensoren anbieten. Manche Fabrikbesitzer zögern jedoch, weil die zusätzlichen Ausrüstungen die Produktivität bremsen könnten.

Ob mehr Daten wirklich schlauere Roboter machen

Die große Frage bleibt, ob der Datenskalierungsansatz funktioniert. Die Erfolge großer Sprachmodelle basieren auf riesigen Textmengen. Ob dieselbe Logik bei körperlichen Aufgaben aufgeht, ist jedoch völlig offen. Alan Fern, Robotik-Professor an der Oregon State University, warnt: Die Idee ist nicht verrückt, aber schlichtweg unbewiesen.

JD.com selbst verfolgt ein ehrgeiziges Ziel. Das Unternehmen plant langfristig 300.000 Roboter, 100.000 unbemannte Fahrzeuge und 10.000 Drohnen einzusetzen. Gründer Liu betonte gleichzeitig, dass kein einziger Mitarbeiter wegen Automasierung entlassen werde. Das Programm schafft zumindest kurzfristig neue Jobs in der Datenerhebung.

Was das für den Rest der Welt bedeutet

Wer in fünf Jahren den fähigsten Haushaltsroboter bauen will, braucht genau dieses Trainingsmaterial. China baut sich momentan die größte Daten-Pipeline der Welt auf. Falls der Skalierungsansatz funktioniert, könnte das Land die Roboter-Revolution anführen, bevor der Westen die Lücke schließt. Allerdings gibt es auch ethische Fragen. Wenn Hunderttausende für wenige Euro am Tag ihre Privatsphäre filmen, um Maschinen zu trainieren, entsteht ein neues Kapitel in der Geschichte der Ausbeutung menschlicher Arbeit durch Technologie.

MB

Marcel Buchholz

Autor bei AIWavez. Die Zukunft von heute: Alles über Künstliche Intelligenz.